Amazing Web Adventures 1.1 – Wie alles begann
Es war an einem Tag im Mai, einer von denen, die vor Langeweile nur so aus allen Nähten platzten. Den ganzen Morgen über regnete es, den Rest des Tages blieb der Himmel grau. Das war so ein Wetter, bei dem niemand aus dem Bett steigen wollte. Lieber noch einmal die Decke über den Kopf ziehen und die ersten zwei Schulstunden verschlafen. Das tat man ohnehin, nur, dass es auf dem Stuhl in der Klasse weit weniger gemütlich war. Was am Verbot für Decken und Kissen in Klassenzimmern lag. Dabei wären die wirklich sinnvoll gewesen, denn der Vormittag kroch nur so dahin und bei jedem Blick auf die Uhr hatte sich der Zeiger erst eine Winzigkeit vorwärts bewegt. Sah man allerdings nicht ständig darauf, huschte er schnell ein Stückchen zurück. So ein Tag war das.
Endlich daheim, gab es Grünkernsellerieauflauf, der schmeckte wie … Grünkernsellerieauflauf, nämlich gar nicht. Keinen Nachtisch (da man nicht aufgegessen hatte, fiel der ohnehin aus und das Wetter blieb schlecht). Dann musste man auch noch Geschirr abtrocknen, ehe es an die Hausaufgaben ging. Während man an denen saß, spielte die Uhr wieder verrückt und der halbe Nachmittag war vorbei, noch ehe man die ersten zwei Matheaufgaben fertig hatte. Wo blieb da die Freizeit?
Genau das dachte sich auch Rosie und ließ ihren Füller fallen, ehe sie auch nur mit Aufgabe 3c angefangen hatte. In der Schokoladenkekspackung waren ohnehin nur noch zwei Stück, die reichten niemals bis 3f. Also aß sie die Kekse (oben Schoko, unten Keks) und ließ Mathe blödes Mathe sein.
In ihrem Zimmer sah es aus, wie es im Zimmer einer Zwölfjährigen aussehen musste – völlig chaotisch. Kein freies Fleckchen weit und breit. Aber nichts unter all den Sachen, das die Langeweile wegblasen konnte. Sie schob sich eine Stelle zwischen Comicheftchen und alter Wäsche frei und ließ sich auf ihr Bett fallen. Dann starrte sie an die Decke. Sie hatte einfach keine Lust auf irgendetwas. Aber wofür war Freizeit denn gut, wenn es nichts zu tun gab? Zumindest nichts, was Spaß machte. Nein, es musste was passieren und zwar schnell! Sonst fing sie noch an, die Punkte an der Tapete zu zählen und dann war sie wieder bei Mathe.
Nach reichlich Wühlen fand sie endlich ihr Handy und wählte den zweiten Eintrag. Mehr als zwei hatte sie ohnehin nicht gespeichert, der Rest der Welt sollte sie anrufen (oder in Ruhe lassen). „Hallo, Trina? Das ist ein absoluter Notfall! Ich sterbe vor Langeweile, ehrlich! Es gibt nur eine Rettung: Ich komme vorbei!“ Noch ehe ihre Freundin antworten konnte, legte Rosie auf und schwang sich aus dem Bett. Trina hatte nämlich nur gesagt, dass sie gar keine Zeit hatte, denn es war Mittwoch und der war immer fest für ihre Erfindungen reserviert.
Aber wenn es sich um einen solchen Notfall handelte, musste auch ein Mittwoch dran glauben. Bestimmt war sie gerade mitten in einem schwierigen Experiment. Vielleicht was Spannendes. Trina war so klug, die brauchte für ihre Hausaufgaben höchstens eine Viertelstunde – inklusive Krönchenaufgaben. Rosie hätte von ihr abgeschrieben, aber leider war das Zeug, das ihre Freundin schrieb, so gescheit, dass die Lehrer die kleine Schummelei sofort bemerkten.
Die Straße runter stand ein altes Herrenhaus, aber außer Trinas Vater waren keine Herren mehr drin. Und Rosie hielt auch den nicht für einen, er war nämlich Fernsehschauspieler. Hinten im Garten, zwischen einem Kirschbaum und Dornensträuchern, stand die W.E.W. – Wohn- und Erfinderwerkstatt – ein ausgemustertes Wohnmobil. Trinas Stützpunkt, in dem sie sich austoben konnte. Obenauf war ein Windrad montiert, an der Seite ein Wasserkessel, von dem unzählige Rohre um, unter und durch den Wagen liefen. Es gab eine alte Satellitenschüssel und eine Menge Antennen. In der Fahrerkabine hatte Trina zusätzliche Schalter und Hebel angebracht, von denen sie selbst nicht immer wusste, was sie bewirkten. Allerdings fehlte der Motor, aber die W.E.W. war dennoch klasse, weil dort niemand störte und man in Ruhe abhängen konnte. Deshalb hatte Rosie auch ihre Hängematte zwischen Kirschbaum und Wohnmobil aufgespannt. Trina konnte drinnen werkeln und sie draußen dösen und Limo schlürfen.
Heute rumorte es verdächtig in der Werkstatt – der Dampf zischte in den Rohren, das Windrad quietschte und von drinnen erklang ein Hämmern und Sägen.
Die Klingel war ein leierndes Tonbandgerät, das in immenser Lautstärke God save the Queen spielte. Normalerweise wäre Rosie einfach eingetreten, aber wenn Trina zugange war, konnte eine Störung ihre Experimente gefährden. Rosies Haare waren seit dem letzten Mal noch immer ziemlich kurz, aber wenigstens nicht mehr angesengt.
Die Tür ging auf und Trina steckte den Kopf heraus. „Du bist es …“ Sie war größer als Rosie und dabei dünn wie ein Strich. Abgesehen von ihrer Brille mit den breiten Gläsern. Jetzt trug sie jedoch eine Schweißerbrille und Ruß im Gesicht.
„Ganz genau, ich!“ Damit drängte sie sich vorbei. „Was machst du?“
„Erfinden.“ Trina steckte den Schraubenschlüssel (man sah sie selten ohne) in ihre Lederschürze. Im Wohnmobil herrschte ein unüberschaubares Chaos aus Rohren, Kabeln, Batterien, Computerbildschirmen, Elektroschrott, Büchern, Werkbänken, Regalen und … seltsamen Dingen. Alles flackerte, summte, ratterte und piepte. „Fass ja nichts an!“
„Schon klar.“ Rosie gab einem Propeller einen Schubs. Sie passte kaum zwischen den eng stehenden Tischen hindurch. „Ich meine, was erfindest du?“
„Es ist schrecklich kompliziert. Einen Websubstanzpixeltransformationsmaterialisierungsjubilator.“
„Du hast mich nach Substanz abgehängt. Was kann er?“
„Er transformiert Pixel in Materie.“
„Klingt toll, aber was will ich mit Pixeln?“
Trina seufzte: „Gar nichts, das ist es ja. Der Jubilator nimmt Pixel und wandelt sie in Materie um. Hier in diesem Kasten materialisiert sich dann das Ergebnis.“
„Das ist ein alter Fernseher, den du ausgenommen hast.“
„Wer schaut heute schon Fernsehen! Pass auf, ich erkläre es dir: Du surfst im Internet und siehst etwas, das du unbedingt haben willst, aber dein Taschengeld ist knapp. Sagen wir, es sind ein Paar raketengetriebene Stiefel.“
„Sagen wir, es ist eine Flasche Cola. Ich könnte jetzt gut eine vertragen.“
„Du brauchst nur ein gutes Bild von der Flasche, wirfst den Websubstanzpixeltransformationsmaterialisierungsjubilator an und – tadaa – die Cola erscheint hier drin.“
„Einfach so?“
„Natürlich nicht. Das Foto im Internet besteht ja aus Pixeln und die zieht sich der Jubilator, rechnet die Internetsubstanz heraus, transformiert und reichert sie mit Materie an. Schon haben wir eine Cola. Allerdings ist die Grafik dann leider kaputt, da die Pixel fehlen.“
„Wen interessiert schon eine doofe Grafik. Funktioniert das auch mit Ashton Kutcher?”
„Nur mit leblosen Dingen, zumindest empfiehlt es sich, sich damit zu begnügen, bis der Jubilator serienreif ist. Es darf auch nicht zu groß oder zu kompliziert sein.“
„Schade, dann wird es kein Hit. Wann kommt meine Cola?“
„Ich muss den Substanztransformator noch kalibrieren, dann können wir ihn ausprobieren.“ Trina zog den Schraubenschlüssel hervor und begann an dem kaputten Fernseher zu basteln.
„Ich esse derweil deine Kekse auf, sind die auch aus dem Internet?“
„Aus unserer Küche, von meiner Mutter.“
„Auch gut, hast du Comicheftchen da?“ Aber Trina hört schon nicht mehr zu, also nahm Rosie den Teller mit den Rosinenkeksen und ging wieder nach draußen. Bis die Erfindung fertig war, konnte sie ein Nickerchen in der Hängematte machen. Vielleicht ließen sich mit diesem Webdings auch Hausaufgaben aus dem Internet materialisieren.
Plötzlich hielt sie inne und legte schützend eine Hand über die Kekse. Ihr war ganz deutlich so, als würde sie beobachtet! Hinter ihr gab es einen leisen Aufprall, gerade so, als hätte sich jemand auf das Dach der W.E.W. fallen lassen. Misstrauisch stellte sie den Teller ab und sah unauffällig zum Wohnmobil hinüber. Bewegte sich da nicht ein Schatten hinter der Satellitenschüssel? Vielleicht ein Spion, der Trinas Erfindung stehlen wollte? An der Rückseite führte eine angebaute Treppe auf das Dach des Fahrzeugs. Rosie schlenderte darauf zu, ohne nach oben zu schauen, und als sie die erste Stufe erreichte, raste sie plötzlich hinauf. Niemand zu sehen … Aber das Gewirr aus Kabeln und Rohren war so dicht, dass sich dort gut jemand verstecken konnte.
„Komm schon raus, du mieser Spion. Ich kriege dich!“ Schwitzend bahnte sie sich einen Weg. Trina konnte überall hindurchschlüpfen, aber für Rosie war einfach kein Platz. Als sie die Schüssel erreichte, war sie ganz außer Atem. „Zeige dich!“ Mit einem Ruck zerrte Rosie die weiße Schale herum, aber dahinter war niemand, nur vier Kabel, die sie aus der Verankerung gerissen hatte. Keine Chance, die wieder dran zu machen, das musste sie Trina mitteilen.
Hinter ihr war ein leises Schleifen zu vernehmen – irgendjemand schlich hier umher. Kein Spion, sondern … „Och, nee!“ Mit einem Knurren fuhr sie herum und beeilte sich zur Treppe zurückzukommen. Von oben konnte sie das Drama schon sehen: Die Kekse waren weg!
Schnaufend erreichte sie den leeren Teller und sah sich wild um, Funken in den Augen. Nur der alte Kirschbaum und die Dornensträucher. Wo war der verflixte Kerl? „Komm raus, du elender Keksdieb! Ich weiß, dass du hier bist, also hol dir gefälligst deine Tracht Prügel ab!“
Etwas Kleines traf sie an der Stirn – eine getrocknete Rosine. Da, über ihr in den Ästen, saß er und aß ihre Plätzchen. „Gib mir sofort mein Eigentum zurück, Karacho!“
Der Junge streckte den Kopf mit den großen Ohren und dem schwarzen Bürstenhaarschnitt vor: „Nicht deins, sondern das von Trina.“
„Ich habe meins daraus gemacht. Komm runter, du Memme.“ Rosie drohte mit der Faust. Der Verlust von Süßkram traf sie immer hart.
„Ich finde es hier oben gemütlich. Komm doch rauf.“
„Nicht für ein paar lausige Rosinenkekse. Lieber säge ich den Baum ab.“
„Das darfst du gar nicht.“
Rosie schnaubte verächtlich: „Ich lasse mir von einem mickrigen Ninja nicht sagen, was ich tun oder lassen darf.“
„Ehemaliger Ninja.“ Karacho verbeugte sich leicht, dann sprang er mit einem Salto vom Baum, landete behände im Gras und nahm sofort Kampfstellung ein, die zwei restlichen Kekse wie Wurfsterne in der Hand. Unter seine Hosenträger hatte er einen schwarzen Nunchaku geklemmt. „Jetzt bin ich ein ehrenwerter Kämpfer für das Gute. Mund auf!“ Er warf nacheinander die Kekse in Rosies geöffneten Mund (groß genug war der ja).
Das besänftigte ihren Zorn sofort und zufrieden kauend fragte sie: „Und was hast du heute schon bekämpft?“
Karacho ließ enttäuscht die Arme sinken: „Nichts. Das Böse macht heute Pause. Mir ist langweilig.“
„Das liegt am Wetter. Lass uns nachsehen, wie weit Trina mit ihrem Transformationsdingsbums ist.“
„Klingt gut.“ Er folgte ihr in kurzem Abstand, ohne Rosie zu nahe zu kommen. Man konnte bei ihr nie wissen, ob sie nicht eine Kopfnuss parat hielt.
Karacho wohnte nebenan, war ein Jahr jünger und zwei Köpfe kleiner als Rosie, und die letzten drei Jahre Ninja gewesen, ehe er sich zum Guten besonnen hatte. Jetzt war er der beste Kampfsportmeister weit und breit, hatte jedoch schwarze Hosenträger statt eines schwarzen Gürtel, da ihm ansonsten die Hose rutschte. Was für einen Kung Fu-Experten natürlich unpraktisch war. Und er war unbesiegt … zumindest fast. Denn da war Rosie, die sich einfach auf ihn drauf gesetzt hatte. Ein reiner Glückstreffer, aber dennoch schmachvoll. All seine Ninjafähigkeiten hatten im nichts genutzt und ehe ihm die Luft ausging, musste er sich ergeben. Karacho sehnte sich nach einer Revanche, aber die Gefahr, noch einmal von ihr besiegt zu werden, hielt ihn davon ab. Denn dann hätte er seine Hosenträger abgeben müssen.
Wieder betätigten sie das Tonband und nach einer kleinen Weile öffnete Trina.
„Bist du endlich fertig? Wir sterben hier draußen vor Langeweile!“
„Hallo, Karacho. Kommt rein, es ist alles vorbereitet. Wir können den Jubilator ausprobieren.“
„Endlich, ich verdurste nämlich.“
In der Werkstatt lief schon alles auf Hochtouren. Über die Monitore ratterten Zahlenkolonnen, auf dreien leuchtete das Bild einer Cola-Flasche. Durch die Rohre, in denen es fröhlich vor sich hin dampfte, war es warm und Rosie begann sofort zu schwitzen. „Wo kann ich mich hinsetzen?“ Ein Kinosessel wäre genau das Richtige – zurücklehnen, zugucken und dann eine eisgekühlte Cola …
„Da steht ein Hocker. Zieht bitte diese Schutzbrillen auf.“ Trina hielt ihnen abgegriffene Schweißerbrillen hin. Rosie quetschte eine davon über ihren Kopf – viel zu eng – und probierte den Hocker – viel zu zerbrechlich. Also stellte sie sich zusammen mit Karacho vor den umgebauten Fernseher und verpasste dem Jungen eine Kopfnuss.
„Aua! Lass das!“ Er rieb sich die Stelle und setzte ebenfalls eine Brille auf.
Rosie musste lachen: „Du siehst total dämlich damit aus. Wie ein Fisch mit Glubschaugen.”
„Und du wie ein Ballon mit Brille.“ Instinktiv ging er in Kampfstellung, um eine weitere Kopfnuss abzuwehren, aber Trina schob sie auseinander: „Macht mal Platz Ich justiere jetzt den Transformationsstrahl.“ Sie schraubte an etwas herum, das aussah wie ein Toaster, auf den sie eine Taschenlampe gelötet hatte.
Rosie kratzte sich im Hinterkopf – irgendetwas hatte sie vergessen. Und es wollte ihr einfach nicht einfallen. Das lag am Durst, ihr Gehirn musste schon völlig ausgetrocknet sein. Bestimmt sah es aus wie eine Dörrpflaume! Wer konnte da schon klar denken? „Beeil dich!“
„Schon fertig.“ Trina setzte kurz die Schweißerbrille ab und rieb sich die Augen. „Jetzt müsste alles richtig sein. Irgendwo hatte ich eine Checkliste …“
„Fang doch einfach an! Die Wissenschaft will nicht länger warten. Und ich auch nicht!“
„Na, gut. Wie immer bei einem solchen Experiment ist es wichtig, dass ihr auch nicht die kleinste Kleinigkeit anrührt. Sollte dennoch etwas schief gehen, befindet sich die Notausstiegsluke direkt neben dem Kühlschrank.“ Sie rückte die Brille zurecht. „Dann mal los. Die Welt hat lange auf diesen Moment gewartet – jetzt geben wir ihr den Websubstanzpixeltransformationsmaterialisierungsjubilator!“ Trina zog an einem Hebel, tippte etwas in einen Computer, drehte an Rädern, klopfte gegen Rohre, lauschte, schnupperte, grübelte. Dann kalibrierte sie hier noch eine Kleinigkeit, justierte dort noch etwas, bis die ganze Werkstatt zu brummen schien. Das Licht flackerte und sie schaltete es aus, so dass nur die Monitore Helligkeit verbreiteten.
Unwillkürlich rückten Karacho und Rosie näher zusammen. Erfindungen waren was Tolles, aber nur, wenn sie nicht explodierten.
„Pixelanalyse läuft.“
„Substanzcheck bei 95%!“
„Transformation eingeleitet!“
Trina kurbelte heftig an einem Zahnrad und im Fernseher begann es zu leuchten. Ein unwirkliches rotes Licht, wie in einer Geisterbahn. Und Trina sah aus wie ein dünner, verrückter Kobold. „Materialanreicherung wird durchgeführt.“
Plötzlich blinkte einer der Monitore rot: Warnung. Trina verfiel in Hektik. „Probleme mit der Materieanreicherung!“ Sie hämmerte auf die Tastatur, aber es wurde nicht besser. Auch zwei andere Bildschirme gaben Alarm. Auf dem Dach des Wohnmobils polterte es heftig, unten fing einer der Kessel an zu pfeifen.
„Das ist nicht gut, oder?“, schrie Karacho gegen den Lärm an.
Trina kontrollierte ein paar Kabel, die vom Fernseher weg führten und in der Decke verschwanden. Das rote Licht wurde immer greller. „Irgendetwas mit der Anreicherung! Der Materiesammler ist ausgefallen.“
Neben Rosie begann sich ein Propeller so schnell zu drehen, dass er rauchte. Sie pustete, aber davon wurde ihr nur schwummrig.
„Wir sollten das Experiment abbrechen!“ Trina betätigte ein paar Hebel, aber nichts geschah. Der Radau um sie herum wurde nicht weniger. Sie stürzte zum Computer. „Es lässt sich nicht abstellen!“
Jetzt standen Rosie und Karacho ganz dicht beieinander. Das Licht blendete sie und in der W.E.W. war es mittlerweile ziemlich heiß. „Tu doch was!“ Bei dem ganzen Krach klang es so, als würde die Werkstatt jeden Augenblick in die Luft fliegen.
„Evakuieren!“, rief Trina. „Jeden Moment passiert etwas! Schnell raus hier!“
Das Trio stolperte zum Notausgang und erstarrte. Die Luke stand offen und drei vermummte Köpfe schauten herein.
„Ninjas!“, zischte Rosie.
„Die wollen meine Erfindung stehlen!“ Damit verdienten Ninjas sich nämlich was nebenbei.
„Sind die doof, wenn hier alles explodiert, gibt es nichts mehr zu klauen.“ Rosie griff sich eine Kehrschaufel von einer Werkbank. „Macht Platz, ihr Deppen!“ Dann stürmte sie wie ein wilder Stier vor.
Die Ninjas ließen sich das nicht zweimal sagen und sprangen im hohen Bogen aus der Öffnung. Sie vollführten einen synchronen Doppelsalto und landeten in Kampfhaltung vor ihren Gegnern, die Holzkatana gezückt. Für scharfe Schwerter waren sie zu klein (etwa Karachos Größe), außerdem konnten sie kein Blut sehen. In ihren schwarzen Kampfanzügen wirkten sie beinahe niedlich, aber sie waren gefürchtete und hinterhältige Kämpfer. Abgesehen von Kampfschreien sprachen sie nicht viel, sondern verständigten sich mit Zeichensprache. In diesem Fall winkten sie ihre Feinde heran.
„Haut sie platt!“, schrie Rosie und pflügte mit ihrer Kehrschaufel eine Werkbank leer. Der Ninja war ihr blitzschnell ausgewichen und versetzte ihr einen Hieb gegen den Hintern. Rosie brüllte wütend, war aber viel zu langsam für den flinken Gegner.
Karacho hatte weniger Mühen, sich seines Ninjas zu erwehren. Sein Nunchaku wirbelte ebenso wild wie das Katana, aber beide landeten keine Treffer, sondern zertrümmerten nur das Mobiliar.
Trina wich den Attacken des dritten Ninja im Zickzack aus, bis sie sich ihre Teslahandkanone aus dem Regal schnappen konnte, um zurückzufeuern.
Während das Gefecht hin und her wogte und keine Partei einen wirklichen Vorteil erringen konnte, überhitzte sich der Websubstanzpixeltransformationsmaterialisierungsjubilator endgültig. Statt die Pixel mit Materie anzureichern, begann er, die Materie in Websubstanz umzuwandeln. Schuld war übrigens ein Defekt im Materialisierungsprozess, der durch lose Kabel an der Anreicherungsschüssel auf dem Dach der W.E.W. ausgelöst worden war.
Folgendes passierte: Das rote Licht wechselte zu grün, dann zu blau und schließlich zu gelb. Das war der Augenblick, in dem die Werkbank neben dem Fernseher verschwand, was in der allgemeinen Aufregung niemandem auffiel. Dann war es ein Dampfkessel. Der dadurch entstandene Platz kam Rosie sehr gelegen, die endlich weit ausholen konnte, um dem Ninja das Kehrblech gegen den Dez zu knallen. Sie war vom Kämpfen so begeistert, dass ihr der plötzlich fehlende Kessel nicht weiter komisch vorkam. Erst als Karacho einen Rückwärtssalto auf den Kühlschrank vollführte und ins Leere krachte, begannen die Helden und Schurken zu stutzen.
Da war es jedoch schon zu spät, denn der nun umgekehrt funktionierende Websubstanzpixeltransformationsmaterialisierungsjubilator lief auf höchster Stufe und das Innere des Wohnwagens verschwand nun zack-zack-zack.
Bei Menschen tat er sich allerdings schwer und zögerte etwas. Lange genug, damit jeder in Panik verfallen konnte, dann hatte er fertig analysiert und ließ zack-zack-zack die Ninjas verschwinden.
„Super …“, wollte Karacho rufen, aber da hatte er sich selbst schon aufgelöst.
Die beiden Mädchen sahen sich einen Moment lang überrascht an und Trina hatte gerade noch genügend Zeit, ihre Brille gerade zu rücken, dann war auch sie – zack – weg.
„Oh, oh!“, entfuhr es Rosie, die erwartete, sich ebenfalls in Luft aufzulösen, aber der Jubilator brauchte länger, um ihre Masse umzurechnen. Dabei gab auch einer der Computer gleich noch den Geist auf.
„Was ist nun?“, schrie sie, die verbeulte Kehrschaufel noch immer in der Hand. Wie so oft war Rosie reichlich ungeduldig. Und sauer wäre sie gewesen, wenn nur die Ninjas und ihre beiden Freunde aus diesem langweiligen Tag verschwunden wären.
Das ging natürlich nicht, deshalb fühlte sie ein Kribbeln in den Zehen und war mit einem Schlag ebenfalls weg.
Das Letzte, was der Websubstanzpixeltransformationsmaterialisierungsjubilator in Pixel umwandelte, war erst das Wohnmobil und dann sich selbst. Und das geschah mit einem Knall.