Texte

Amazing Web Adventures 2.2 – Wie alles noch schlimmer wurde

Professor Messing musste sich ducken, als er ins Innere der W.E.W. trat. Trotzdem stieß er sich den Kopf, aber die Beule fiel neben den anderen auf seiner Halbglatze gar nicht auf. Er sah sich nur flüchtig um, als wären ihm die großartigen Erfindungen schon bekannt, nickte aber anerkennend: „Ein paar sehr innovative Ideen, junge Freundin. Noch nicht bis ins Letzte ausgereift, aber mit Potenzial.“

„Danke“, antwortete Trina und zeigte auf den Stuhl, auf dem eben noch Rosie gesessen hatte. „Nehmen Sie doch Platz, Herr Professor. Wie hätten Sie den Tee gerne?“

Er klappte die dürren Beine unter der Werkbank zusammen und setzte sich. „Schwarz und so süß wie es geht.“

„Ich habe einen T.E.A. Maker, die höchste Süßungsstufe ist ekelhaft süß.“

„Klingt annehmbar.“ Mit seinen komischen Handschuhen griff er sich direkt ein paar Kekse, die Trina gerade auf den Tisch gestellt hatte.

Rosie zog sie einen wackeligen Hocker heran und musterte den Professor misstrauisch. Jemand, der ungefragt fremder Leuts Plätzchen vernichtete, war zutiefst verdächtig. Sie war sich nur nicht sicher, wofür.

„Ein netter Ansatz, den Teeessenzamplifizierer in einer Musicbox unterzubringen. Spielt sie auch die Symphonie mit dem Paukenschlag?“

„Noch nicht, aber ich kann beizeiten die Playlist ergänzen.“

„Tu das.“ Messing nahm die Porzellantasse und nippte vorsichtig daran.

„Und?“, fragten alle drei.

„Könnte süßer sein, aber ansonsten gut.“

Karacho verzog das Gesicht. Süßer als ekelhaft süß ging bestimmt nicht.

In diesem Moment sprang die mechanische Katze auf den Schoß des Professors und fing sofort zu surren an.

„Bitte entschuldigen Sie, aber die ist nicht von mir.“

Messing lächelte herablassend (was bei seiner Größe nicht so schwierig war): „Natürlich nicht, sie ist ja eine meiner Erfindungen.“

„Was Sie nicht sagen!“ Trina klatschte in die Hände. „Das ist eine ganz ausgezeichnete Arbeit.“

„Selbstverständlich, meine Liebe. Es ist die MIAU IV.“ Er tätschelte der Katze den Messingkopf. „Im Gegensatz zur Version III ist der Energieverbrauch dieser MIAU um 23% geringer. Zudem lässt sich ihre Software über eine USB-Schnittstelle updaten.“

„Ich hatte mal eine mechanische Brieftaube, aber leider hat sie den Weg zurück nicht gefunden. Die Skizzen dazu müssen hier noch irgendwo sein, wenn Sie einen Blick darauf werfen wollen, Professor?“

„Ich hatte mal einen Goldfisch“, warf Rosie ein, damit sie bei dem ganzen Technikgequatsche auch was sagen konnte, „aber der ist gestorben, weil ich das Becken nicht gereinigt habe.“

Die beiden Erfinder schienen sie gar nicht zu hören und Messing fuhr fort: „Nein, mich interessiert vielmehr, was dies für eine Erfindung sein soll?“ Sein Handschuh zeigte auf das Kernstück des Rejubilators.

Rosie passte das gar nicht und sie versuchte sein Interesse zu zerstreuen: „Nur ein alter Fernseher … für unsere Videospiele!“

Aber Trina konnte natürlich nicht an sich halten: „Das ist unser Websubstanzpixeltransformationsmaterialisierungsjubilator. Eine Fehlfunktion in ihm hat überhaupt dazu geführt, dass wir hier sind.“

„Faszinierend.“

Rosie winkte unauffällig in Richtung ihrer Freundin, damit diese die Klappe hielt, aber die Erfinderin nahm sie gar nicht wahr.

„Ich versuche ihn zu reparieren, aber bisher leider ohne Erfolg. Statt uns wieder in Materie zu verwandeln, animiert der Rejubilator nun Pixel.“

„Das geschieht wahrscheinlich über diesen Animationsstrahl, der an einen konvexen Materieanreicher gekoppelt ist.“

„Sehr richtig.“

Nun stieß Rosie Karacho mit dem Ellenbogen in die Seite. „Die verrät noch alles!“, knurrte sie.

„Ähem, begeistern Sie sich vielleicht auch für Kung Fu, Herr Professor?“ Karacho vollführte ein paar Trockenübungen.

„Überhaupt nicht, Junge.“ Wieder an Trina gewandt: „Das heißt, dass man diesen Teil des Rejubilators theoretisch transportieren  und anderenorts wieder aufstellen könnte?“

„Theoretisch …“ Hier kam die Erfinderin ins Stocken. Auch ihr dämmerte allmählich, dass der Besucher sich wirklich nur für den Rejubilator interessierte.

Alle drei starrten ihn nun an. Karachos Hand wanderte langsam zum Kochlöffelnunchaku, Rosie sah sich nach einem Kehrblech um.

„Was interessiert Sie denn der Rejubilator so?“, fragte Trina misstrauisch.

Professor Messing, die Katze auf dem Arm, richtete sich auf. „Tja …“ Dann zeigte er zu einer der Luken: „Ninjas!“

„Haha, guter Trick, aber darauf fallen wir nicht rein. Ich denke, jetzt gibt es Dresche.“

Messing grinste: „Das ist natürlich bedauerlich, aber es war kein Trick.“

In diesem Moment flog krachend der Notausstieg neben dem Kühlschrank auf und ein Ninja hinterher. Ein weiterer öffnete gerade eine Luke und der dritte stürmte durch die Tür, ohne geklingelt zu haben.

„Ninjas!“, rief Trina und suchte nach ihrer Teslahandkanone.

Der Professor schüttelte den Kopf: „Habe ich doch gesagt.“

„Auf sie!“ Karacho stürzte sich ins Getümmel, allerdings war das Kämpfen mit dem Kochlöffelersatz nicht ganz dasselbe.

„Beschäftigt sie, ich knöpfe mir den Professor vor!“

„Kein Problem, Rosie.“ Trina hatte endlich ihre Kanone gefunden und wollte Ninja Nummer 2 eins verpassen, aber statt Energie tropfte nur Öl heraus. „Oder doch – Sabotage!“ In der Tat hatte Messings MIAU nicht nur die W.E.W. samt Erfindungen ausspioniert, sondern auch die Handkanone unbrauchbar gemacht und die Verschlüsse der Türen und Fenster gelockert. Mit Öl ließ sich der Ninja natürlich nicht aufhalten. Gerade, als er Trina eins mit dem Katana überbraten wollte, rutschte er jedoch auf der schwarzen Pfütze aus und fegte stattdessen das feine Porzellan vom Tisch.

Karacho titschte umher wie ein Gummiball, schlug Saltos, hechtete, wich aus und duckte sich, um die beiden anderen Angreifer zu beschäftigen. Sein Training im Raum der Gefahren hatte sich schon bezahlt gemacht.

„So, jetzt gibt es eins auf den Dez, Sie … langer Lulatsch!“ Rosie fiel gerade keine andere Beleidigung ein – sie musste sich für später unbedingt ein paar ausdenken, denn natürlich wusste sie sofort, dass das Trio in Professor Messing seinen Erzfeind gefunden hatte. Die maue Beleidigung machte sie jetzt erst einmal durch einen Kampfschrei wett. Dabei schwang sie eine Thermoskanne, das einzige, was sie so schnell greifen konnte (und die wenigstens Doing machte), und startete eine Attacke.

„Heute nicht, ich bedauere.“ Messing nahm die Katze und warf sie auf Rosie. 

Zum Glück hatte er bei seiner Erfindung die Krallen vergessen, ansonsten hätte unsere Heldin ein paar böse Kratzer abbekommen. Aber auch so war sie völlig überrascht und dann überwältigt, als die MIAU auf ihrem Kopf landete und sich an ihr festklammerte. Polternd gingen sie in einem Hand- und Pfotengemenge zu Boden. „Hilfe! Ich habe eine Katzenallergie!“ Sie rollten unter den Werkbänken umher, wobei Rosie sich ein paar blaue Flecken holte, ohne dass es ihr gelang, die MIAU-Umklammerung zu lockern. „Helft mir doch!“ 

Aber die anderen waren zu sehr mit ihren Ninjas beschäftigt. Karacho war schon ganz außer Atem und hatte sich auf den T.E.A. Maker zurückgezogen. Trina wehrte das Holzkatana mühsam mit ihrem Schraubenschlüssel ab. Und Professor Messing klemmte sich gerade den Rejubilator unter den Arm.

Endlich erinnerte sich Rosie an die Thermoskanne in ihrer Hand und sie fing an, damit der mechanischen Katze eins auf die Glocke zu geben. „Nimm das, du Mistvieh!“ Doing, doing und doing. Nach ein paar kräftigen Schlägen war bei der MIAU endlich eine Schraube locker. Sie gab noch ein Rattern und Zischen von sich, dann versagte ihre Mechanik und sie kippte zur Seite.

„Endlich!“ Keuchend kam Rosie auf die Beine und sah sich wild um. „Wo ist der Lulatsch?“

Messing stieß sich gerade den kahlen Schädel an der Eingangstür, als er sich mit dem geklauten Rejubilator nach draußen mühte. „Elender Dieb!“ Doch ehe sie ihn einholen konnte, stellte sich ihr schon ein Ninja in den Weg. Seine kleinen, dunklen Augen musterten sie feindselig unter der Maske hervor, während er seine Waffe kreisen ließ.

„Ich hoffe, du bist der Kerl, der mir eins auf den Hintern gegeben hat, denn dann reiße ich dir den Kopf ab!“, brüllte Rosie und zertrümmerte beim Ausholen einen Erlenmeyerkolben. 

Von draußen erklang wieder das Dröhnen des Raketenantriebs und die W.E.W. fing erneut an zu beben. „Der haut ab!“ Rosie war für einen Moment abgelenkt, den ihr Gegner ausnutzte, um ihr auf die Finger zu klopfen. „Aua!“

Doch statt weiter zu kämpfen, sprangen die Ninjas plötzlich – eins, zwei, drei – durch die Notausstiegsluke.

„Die hauen ab!“ Sie lutschte an ihren schmerzenden Fingern.

„Hinterher! Die haben den Rejubilator!“

„Die haben meinen Nunchaku!“ Trina und Karacho rannten ihnen nach, Rosie trottete hinterher. Sie hatte so eine Ahnung, dass der Professor ihnen ohnehin entkommen würde, daher verzichtete sie auf die Rennerei.

Und tatsächlich verschwand er gerade in der Rakete und die Rampe schloss sich bereits hinter ihm. Dampf wirbelte auf, als der Antrieb in den Startmodus schaltete.

Die Ninjas flitzten ihm nach und die Art, wie sie ihre Schwerter schüttelten, deutete an, dass sie ziemlich sauer waren.

Dann gab es einen Höllenlärm und die Messingrakete hob in einer Wolke aus Rauch und Dampf ab.

„Da fliegt er!“ Trina sah ihr fassungslos nach. „Mit meiner Erfindung!“ Ein Messingblitz, der den blauen Himmel zerteilte.

Rosie fluchte leise: „Warum haben wir auch kein Luftabwehrgeschütz, dann würden wir diese Messingniete vom Himmel pusten!“

„Mit meinem Nunchaku!“ Karacho ließ sich deprimiert ins Gras fallen. Der Kampf mit zwei Gegnern war zwar eine spaßige Herausforderung, aber doch sehr anstrengend gewesen.

„Was für eine Katastrophe!“, rief Trina und sank neben Karacho nieder.

Rosie zog einen Flunsch. So viel zu einem faulen, faulen Tag – der war nun gründlich im Eimer. „Da, die Ninjas!“ Sie zeigte auf die kleinen Gestalten, die sichtbar wurden, als der Dampf sich auflöste. „Scheinbar hat Messing sie übers Ohr gehauen.“ Die drei schienen zu streiten und dabei ihre Schwerter immer wieder in Richtung Himmel zu recken. „Hey, ihr Luschen, kommt her für eine Tracht Prügel!“

Aber die Ninjas waren nicht mehr auf ein Kämpfchen aus, sondern zeigten Rosie einen Vogel und setzten sich ab.

„Na, wartet!“ Sie holte aus und schleuderte ihre zerbeulte Thermoskanne nach ihnen. Das Geschoss beschrieb einen Bogen und traf den mittleren Ninja am Kopf. „Treffer!“ Das hob Rosies Stimmung immerhin wieder. Die beiden anderen hoben ihren diebischen Freund auf und waren im nächsten Moment zwischen den Hügeln verschwunden.

„Die haben genug!“ Sie rieb sich zufrieden die Hände und legte sich neben die anderen. „Ich wusste gleich, dass dieser so genannte Professor ein krummer Hund ist.“

Trina polierte aufgeregt den Schraubenschlüssel. „Wir müssen unbedingt was tun, um ihn aufzuhalten! Nicht auszudenken, was ein genial-verrückter Kopf wie er mit dem Rejubilator anstellen wird.“

„Bestimmt keine Ashtons zum Leben erwecken und mir einen abgeben.“

„Bestimmt nicht!“

Karacho betrachtete nachdenklich seine Kochlöffel: „Aber er hat eine Rakete und ist schon wer-weiß-wo. Wir haben nur ein Wohnmobil, das noch nicht mal fährt.“

Trinas Miene hellte sich auf (trotz des Rußes): „Dann müssen wir was erfinden, um ihn verfolgen zu können. Ich habe auch schon so eine Idee!“

Rosie nickte schläfrig, das Gras war angenehm weich und die Sonne schien warm herab. Von der Rakete war nur noch ein Dunststreifen am Himmel zu sehen. „Und dann kaufen wir uns den feinen Herrn Professor und geben ihm eins auf den Dez!“ Mit diesen Worten machte sie die Augen zu und erst einmal ein verdientes Nickerchen.

Kapitel 3.1