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Amazing Web Adventures 4.1 – Von oben sind wir alle gelb

„Wir durchbrechen die Website!“ Die idyllische Hügellandschaft unter ihnen war immer kleiner geworden, während das Blau des Himmels näher rückte. Karacho meinte, hier und da schon einzelne Pixel erkennen zu können, aber vielleicht waren das nur ein paar Kekskrümel, die an der Seitenscheibe klebten.

„Mach nur nichts kaputt“, grummelte Rosie und hielt sich den Bauch. Sie überlegte, ob sie von dem ganzen Schwanken der W.E.W. nicht seekrank wurde. Was Schiffsreisen anging, war sie da ein bisschen empfindlich. Aber sie entschied sich dagegen – das hier war ein Luftschiff, aber weit und breit gab es kein Meer. Außerdem konnten sie nicht mal eben irgendwo anhalten und sauber machen. Als sie aber plötzlich einfach so durch das Himmelblau stießen und die fliegende Werkstatt ordentlich zitterte und schwankte, war sie geneigt, es sich anders zu überlegen.

„Kotztüten sind im Seitenfach“, bemerkte Trina.

„Pah, mir ist doch nicht schlecht, mir klebte nur ein Krümel im Hals.“ Tief durchatmen. Halb so wild.

Für einen Moment erstrahlte es um sie herum im reinsten Blau, dann wurde es abrupt schwarz. Nur die Beleuchtung der Armaturen gab ein geisterhaftes Scheinen von sich.

„Wir sind durch! Alle Systeme laufen normal.“ Trina klang erleichtert. Die W.E.W. trieb schwerelos dahin.

„Willst du uns sagen, dass du nicht wusstest, ob es klappt?“

„Das weiß man bei einem Experiment nie genau, das ist das Spannende daran.“

„Na, danke …“ Rosie starrte aus dem Fenster. Draußen war es keineswegs pechschwarz. Vielmehr glitten Schatten umher, die sich bei genauerem Hinsehen als Zahlen und Buchstaben entpuppten. Manche davon schienen groß wie ein Haus zu sein. „Wieder dieses HTML.“

„Nicht nur – um uns herum sind Datenströme und –pakete und –partikel. Alles, was hinten im Internet so rumschwirrt. Und was aussieht wie leuchtende Murmeln, das sind Webseiten.“

Karacho hatte sich neben Rosie gezwängt und presste die Nase an die Scheibe. „Und wo sind wir?“

„Moment … Jetzt schaut nach unten.“

„Von hier oben sind wir … gelb.“

„Du vielleicht, Ninjaburschi. Ich bestimmt nicht.“ Rosie hob die Hand für eine kleine Kopfnuss.

„Das ist das Layout von Basis, ich fand gelb gut.“

„Ach, so. Ich … aua! Was soll das?“ Er rieb sich den Hinterkopf.

„’tschuldigung, ist mir so ausgerutscht.“ Rosie hatte ihre Faust einfach nicht aufhalten können. „Vielleicht ist deine Birne magnetisch.“

„Was?“ Karacho sah sie verständnislos an.

„Nichts. Wie finden wir jetzt also diesen Messing-Fuzzi?“

„Ich schalte auf Autopilot und wir folgen den Daten vom Analysegerät.“

„Na, immerhin.“ Rosie lehnte sich zurück und legte die Füße hoch. „Werden an Bord auch Getränke gereicht? Hey, Kampfzwerg, schieb doch mal eine Tasse süßen Tee rüber.“

„Wer bin ich, dein persönlicher Diener? Hol dir deinen Tee gefälligst selbst.“

„Mieser Service auf dieser Fluglinie.“

Die W.E.W. glich ihren Kurs an und glitt auf den Datenströmen dahin. Ein geschmeidiges Auf und Ab, mal unter einem Zahlenwasserfall dahin, dann über einen Buchstabenbogen hinweg. Die unzähligen Webseiten draußen vor dem Fenster glichen einem klaren Sternenhimmel, auch wenn sie knallbunt waren. Gar nicht so schlecht, hier draußen, fand Rosie. Irgendwie beruhigend. Wie Babylichter. Langsam fielen ihr die Augen zu. „Halt bei einem Chinaimbiss. Einem SurfIn“, nuschelte sie, dann fing sie an zu träumen – von gebratenen Nudeln, frisch zubereitet und dampfend. Vielleicht etwas knusprige Ente dazu …

Der plötzliche Ruck riss sie aus ihrem Schlemmertraum und stieß sie unsanft mit dem Kopf gegen die Beifahrertür. Mühsam hob sie die Lider, noch völlig im Schlaf verheddert. „Rettet die gebackene Banane!“

Trina kreischte leise und Karacho rief Boah ey. „Was ist los?“ Die ganze W.E.W. schwankte heftig.

„Wir werden angegriffen! An die Geschütze!“ Die Erfinderin kurbelte am Steuerrad. „Wir hängen fest!“

„Wo denn? Wie denn? Was denn? Ich kann überhaupt nichts sehen.“ Rosie beugte sich vor, um in den Rückspiegel zu gucken. Ein großer Fangarm schoss vor und klatschte von der Seite gegen die Frontscheibe. Vor Schrecken hätte sie sich fast in die Hose gemacht. „Aber nur fast!“ Die Saugnäpfe klebten am Glas, während die Tentakelspitze umhertastete. „Was ist das?“ Der Fangarm war so schwarz wie die Umgebung, aber alle paar Augenblicke lief ein Schimmern in allen Regenbogenfarben darüber.

„Ein Ätherkrake! Ich dachte, die wären bloße Fantasie. Warum feuern die Geschütze nicht?“, schrie Trina nach hinten.

„Sie sind blockiert – das Ding hält sie fest! Ich …“ Es gab ein lautes Krachen und Splittern. „Tentakeleinbruch! Tentakeleinbruch!“

„Na, warte!“ Rosie wollte zur Karacho klettern, aber Trina hielt sie zurück. „Hat keinen Zweck. Der Krake ist viel zu groß und reißt uns auf wie eine Dose Ölsardinen.“

„Soll ich hier sitzen und Däumchen drehen?“ Sie beobachtete, wie sich ein langer Fangarm ins Innere der W.E.W. tastete. Er war mindestens so dick wie der kleine Ninja. Der bearbeitete den Eindringling auch schon mit seinem Kochlöffelnunchaku, aber das schien das Monster nur zu verlangsamen. Es zog sich kein Deut zurück, sondern zerschlug gerade eine Werkbank.

„Ich habe einen Plan. Übernimm das Steuer, ich muss was erfinden.“ 

Trina glitt vom Fahrersitz und Rosies Protest kam zu spät: „Spinnst du? Ich hab doch überhaupt keinen Führerschein.“

„Ich doch auch nicht.“

„Na, großartig.“ Sie klemmte sich im wahrsten Sinne des Wortes hinter das Lenkrad und fluchte: „Da wird seit mindestens drei Seiten das erste Mal gekämpft und ich muss fahren!“ Ihr Fuß trat auf das Gas und die W.E.W. bockte heftig, aber der Griff des Kraken hielt. „So schwer kann das nicht sein.“ Mit einem Ruck riss sie das Steuer herum. Über ihr ertönte ein metallisches Quietschen, dann ein Ploing. „Klingt nicht gut.“ Rosie hatte absolut keine Ahnung, welchen Knopf sie drücken musste. „Vielleicht den …“ Die Seitenscheibe ging auf. „Hier ist aber auch nichts beschriftet!“ Sie schaute Hilfe suchend nach hinten, aber Trina war damit beschäftigt, dem Tentakel auszuweichen und dabei an einer Erfindung zu schrauben. Von ihr konnte sie keine Erklärungen erwarten. Als Rosie sich wieder den Armaturen zuwandte, erstarrte sie: „Tentakel!“ Tatsächlich hatte sich ein vorwitziger Fangarm durch das offenstehende Fenster geschoben und tastete gerade über das Lenkrad. „Igitt!“ Sie sah sich fieberhaft nach einer Waffe um, ehe das Tentakel sie bemerken konnte. Aber da war nichts. „Memo an mich selbst: Waffen in der Fahrerkabine deponieren.“ In diesem Moment drehte sich die Spitze mit den großen Saugnäpfen in ihre Richtung. „Zweites Memo an mich selbst: Keine Selbstgespräche vor Monstern führen.“ Jetzt befand sie sich Aug in Saugnapf mit dem Fangarm, gleich würde er sich um sie schlingen! Rosie stieß ein tiefes Knurren aus: „Wenn du mich auch nur anrührst, du Ekelvieh, dann verputze ich dich zum Frühstück!“ 

Einen Moment herrschte angespannte Stille, selbst der Kampflärm aus der Werkstatt war nicht zu hören. Dann fing der Fangarm an zu zittern und gab schließlich klein bei. Vielleicht hatte er von Rosies Appetit gehört, vielleicht war es auch ihr schlechter Atem, jedenfalls zog er sich langsam zurück.

„Ha!“ Rosie lächelte selbstgefällig. So ein Tentakeldings sollte sich lieber nicht mit ihr anlegen. Dabei mochte sie Meeresfrüchte gar nicht besonders.

Währenddessen tobten sich Karacho und der Ätherkrake ordentlich aus, tanzten über Tische und Stühle, warfen ein Regal um, schlugen eine Delle in die Hülle der W.E.W. und zertrümmerten dies und das und jenes. Der Nunchaku gab dem Fangarm ordentlich eins auf die Saugnäpfe und nur einmal kassierte der ehemalige Ninja einen Treffer und segelte im hohen Bogen neben den T.E.A.-Maker. Ihm gefiel es.

Trinas Begeisterung hielt sich in Grenzen. Nach jedem Kampf musste sie ihre Werkstatt neu einrichten, das nervte ein wenig. Zudem musste sie sich beeilen, ehe der Krake noch mehr Löcher in ihr Luftschiff schlug und es zerriss. Aber sie war fast fertig. Mit flinken Fingern hatte sie ein uraltes Radio aufgeschraubt und an den Röhren vorbei Kabel gezogen. Die waren nun mit einem Verstärker verbunden, der wiederum an die Antenne auf dem Ballon angeschlossen war. Jetzt brauchte sie nur noch Strom und das statische Rauschen aus dem Radio. Gerade als sie den Stecker einstöpseln wollte, ging ein enormer Ruck durch das Wohnmobil und sie landete unsanft auf dem Hosenboden. 

Auch Karacho war eine Sekunde abgelenkt und die genügte dem Kraken, um sich um sein Bein zu winden und festzusaugen.

Vorne probierte Rosie, die Scheibe wieder zuzubekommen. „Wie geht das Fenster zu?“, brüllte sie, denn der Fangarm wollte nicht als Memme dastehen und war mit zwei Brüdern zurückgekehrt.

Trina rappelte sich auf. „Kurbeln!“ Es war höchste Eisenbahn. Sie duckte sich unter Karacho hinweg, den das Tentakel wild schüttelte, griff den Stecker und stöpselte ihn in die vorgesehene Dose. Dann drehte sie das Radio voll auf. Es brauchte eine kurze Weile, bis es sich aufgewärmt hatte – lange genug, damit Rosie und Karacho noch einmal ordentlich schreien konnten. Dann endlich war ein Rauschen und Knistern zu hören. Der Verstärker gab es stark genug weiter, um die Antenne vibrieren zu lassen. Und das wiederum mochte der Ätherkrake gar nicht. Seine Tentakel fingen an zu schlackern, sein Griff um den kleinen Kämpfer und die W.E.W. lockerte sich, ließ schließlich los. Mit einem Satz kam das Wohnmobil frei und stieg steil und schlingernd in die Höhe, ehe Rosie auf den Gedanken kam, den Fuß vom Gas zu nehmen.

Trina stürzte in die Kabine und übernahm eilig das Steuer, um das Gefährt wieder auf Kurs zu bringen. „Schadensanalyse läuft. Ein Leck, eine blockierte Bordkanone und ein verbogenes Seitenruder.“

„Plus ein paar blaue Flecken“, ergänzte Karacho und steckte die Kochlöffel ein.

„Ich schalte auf Standby und flicke das Loch. Rühr hier ja nichts an.“Rosie schüttelte den Kopf. „Heute nicht mehr.“ Sie war ein bisschen grün im Gesicht und wollte lieber langsam machen. „Ich brauche einen Tee ekelhaft süß.“ Sie torkelte zum T.E.A.-Maker. So ein Tee war das einzige was den fiesen Ätherkrakengeschmack aus ihrem Mund bekommen konnte.

Kapitel 4.2