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Amazing Web Adventures 1.2 – Wie es weiterging

Es war stockfinster, deshalb tastete Rosie umher und berührte jemanden an der Schulter, der kleiner als sie war. „Ninja!“ Leider hatte sie die Kehrschaufel verloren, so dass ihr nur eine Kopfnuss blieb.

„Aua! Hör auf, ich bin es, Karacho!“

„Verflixt, macht doch mal Licht!“ Sie versetzte ihm eine weitere Kopfnuss.

„Was soll das?“

„Das dafür, dass du mich so erschreckt hast. Trina, bist du hier irgendwo?“

„Hier vorne. Der Strom ist weg. Wartet mal eine Sekunde.“ Endlich flammte eine Glühbirne auf, die sie an ihre Teslahandkanone geschraubt hatte. „Wie gut, dass die multifunktional ist.“ Die Lampe holte nach und nach das Innere der W.E.W. aus den Schatten. Wie immer, wenn gekämpft worden war, hatten sie ein ziemliches Chaos hinterlassen.

„Wo sind die Ninjas?“, fragte Karacho und ließ sein Nunchaku kreisen.

„Da, an der Tür!“, brüllte Rosie und stürmte vorwärts. Mit einem von ihnen hatte sie noch eine Rechnung offen für den Schlag auf ihren Allerwertesten.

Aber die drei kleinen Diebe waren nicht auf eine Keilerei aus, einer von ihnen zog gerade die Tür auf und sie schlüpften hinaus.

„Na wartet ihr Feiglinge!“ Rosie hatte schon einen Fuß draußen und klammerte sich im nächsten Moment panisch am Türgriff fest. „Wow!“ Wo eben noch der Garten samt Herrenhaus (ohne Herr) gewesen war, wartete nun … nichts. Ein graues Nichts, durch das riesengroße Zahlen und Buchstaben schwebten. „Ich glaub, ich bin im falschen Film!“

Trina war neben ihr und zerrte sie ins Innere zurück. „Das habe ich befürchtet.“ Sie blickte angestrengt nach draußen – dort liefen die drei Ninjas gerade unter einem gewaltigen weißen H hindurch und bogen dann hinter einer gelben 5 ab.

„Was? Was? Was?“ Rosie hätte am liebsten etwas nach den Flüchtigen geworfen, aber sie waren schon zu weit weg.

„Es ist schlimm.“ Trina blickte sich noch einmal um, schüttelte den Kopf und zog die Tür zu. „Sehr schlimm.“ 

Karacho steckte die Waffe wieder ein. „Nun spann uns nicht auf die Folter. Was ist passiert? Wo sind wir?“

Trina legte eine theatralische Pause ein, dann antwortete sie: „Wir … sind im Internet!“

Rosie sah sie entgeistert an: „Spinnst du? Das Internet sieht ganz anders aus!“

Die Freundin schüttelte den Kopf: „Was du da draußen siehst, ist Quellcode. HTML und CSS, daraus bestehen die meisten Internetseiten.“

„So ein Blödsinn … Aber, du … du meinst das wirklich ernst?“

„Ich fürchte, ja. Irgendetwas muss ziemlich schief gelaufen sein.“

„Schief gelaufen? Schief gelaufen? Eine Katastrophe! Um sechs gibt es Abendessen und wir sitzen hier in diesem Quelldings!“ Rosie schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Du musst uns hier herausbringen. Sofort!“

„Schon klar, ich habe nur keine Ahnung, wie …“ Trina hob ein paar durchgeschmorte Kabel auf. „Der Jubilator ist total hinüber. Ich verstehe es nicht, ich hatte doch alles kontrolliert. Irgendetwas war mit dem Materieanreicher nicht in Ordnung. Vielleicht hätte ich keine Satellitenschüssel nehmen sollen.“

Karacho setzte sich im Schneidersitz auf den Kühlschrank. Er verstand genauso wenig von dem ganzen Erfindungszeug wie Rosie. Die regte sich jedoch lieber weiter auf, anstatt die Ruhe zu bewahren: „Es gibt Knödel und Braten und zum Nachtisch Rote Grütze. Wenn ich das verpasse …! Und heute Abend läuft Jenseits der Träume, Folge 783. Wenn ich die verpasse …! Und morgen schreiben wir Englisch! Wenn ich …“ Hier kam sie ins Grübeln, dann nickte sie zufrieden. „Weißt du was, lass dir ruhig Zeit. Vielleicht so zwei Tage, dass wir am Wochenende wieder zurück sind.“

„Wir können aber doch nicht die ganze Zeit hier in diesem HTML herumsitzen. Und überhaupt, was ist mit den Ninjas?“, fragte Karacho von seinem Aussichtspunkt aus.

„Die sind weg“, antwortete Trina. „Irgendwo ins Internet abgehauen. Ich glaube nicht, dass wir sie so einfach finden können.“

„Oder wollen! Sollen sie doch machen – vielleicht walzt sie ja ein R platt.“

„Was das Warten angeht, kann ich sicherlich was unternehmen. Ich bin zwar keine Webdesignerin, aber ein bisschen kenne ich mich aus. Ich kann euch ein Zimmer programmieren oder so. Ihr müsst nur sagen, was darin sein soll.“

Der Junge horchte auf: „Du meinst, wir können haben, was wir wollen?“

Trina kratzte sich mit dem Schraubenschlüssel am Kinn: „Ich denke schon. Ist immerhin das Internet, da ist ja alles möglich.“

„Super! Ich will einen Trainingsactionparcours – Matten, Übungspuppen, Sportgeräte, Kletterwand, Schleichstrecke, eine Menge Fallen und Herausforderungen. Das ganze nenne ich Raum der Gefahren!“

„Uff!“ Rosie wurde schon vom Zuhören ganz matt. „Was für ein Aktionismus! Für mich bitte den Kirschbaum und Garten vor die W.E.W. und natürlich meine Hängematte. Zuviel Veränderung an einem Tag ist nicht gesund.“

Trina rückte einen Tisch heran und stellte einen Computer darauf. „Erst einmal brauche ich Strom. Da wir draußen noch keinen Sonnenschein haben, funktionieren die Solarzellen nicht. Aber ich habe einen alten Generator und ein Fahrrad, wenn ihr mächtig in die Pedale tretet, sollte es klappen.“ Eilig bastelte sie die beiden Sachen zusammen und schloss den Rechner an den Stromgenerator an.

Rosie gab sich entsetzt: „Wenn du glaubst, dass ich auf dieses klapprige Hollandrad steige und Energie produziere, dann hast du dich geschnitten!“ Sie schob Karacho vor: „Der Kleine hier strotzt nur so vor Kraft – entweder zapfst du ihn an oder er strampelt.“

Der Junge grinste: „Es ist ein Erwachsenenrad, ich bin viel zu klein dafür.“

Mit einem Knurren hob Rosie die Hände: „Dann wachse doch endlich! Immer muss ich alles machen!“ Sie mühte sie in den Sattel und trat in die Pedale.

Trina kontrollierte den Computer und nickte: „So ist es gut. Du darfst nur nicht langsamer werden.“

„Du hast gut reden“ keuchte Rosie. Das Internet hatte sie sich wirklich anders vorgestellt. Etwas, wo man sich zurücklehnte und ein bisschen herumklickerte, vielleicht eine Pizza bestellte. Sie schien ewig radeln zu müssen und war sich sicher, dass ihre Beine bald abfallen würden. Immerhin versorgte Karacho sie mit Trinkjoghurt aus dem Kühlschrank, leider nicht mehr gekühlte.

Irgendwann sah Trina von ihrer Arbeit an der Tastatur auf, blickte sich um, als wäre sie aus einem Traum erwacht, und rückte die Brille gerade. „Ich glaube, das war es. Du kannst übrigens aufhören, ich habe schon vor einer Weile Sonnenlicht programmiert.“

„Endlich!“ Rosie sackte schwer atmend auf dem Lenkrad zusammen. „Rollt mich nur in meine Hängematte und lasst mich dort sterben.“ Sie fühlte sich schwach und elend. Sport war noch nie ihr Ding gewesen.

„Ich bin dafür, wir begraben sie unter dem Kirschbaum“, feixte Karacho.

„Unterstehe dich!“ Rosie war so erschöpft, dass es nicht mal für eine Kopfnuss reichte.

„Lasst uns nach draußen nachsehen, wie es geworden ist.“ Trina zog die Tür auf und helles Tageslicht fiel herein.

„Das ist hübsch“, lobt Karacho neben ihr.

„Danke.“

„Wartet auf mich!“ Rosie rutschte aus dem Sattel und humpelte hinter ihnen her.

Das graue Nichts und die riesigen Buchstaben waren verschwunden, stattdessen gab es eine schöne Landschaft mit Wiesen, Hügeln, dem Kirschbaum samt Dornensträuchern und einem Bächlein neben der Hängematte.

„Alles meins!“ Mit einem Seufzer warf sich Rosie in ihre Hängematte. Die Sonne schien angenehm warm und sie konnte die Hand ins Wasser baumeln lassen.

„Der Zugang zu deinem Geheimversteck ist da zwischen den Dornensträuchern“, erklärte Trina.

Karacho zog seine Hosenträger zurecht. „Dann will ich mir das mal ansehen. Ich hoffe, es sind genügend Gefahren drin.“ Damit verschwand er lautlos im Unterholz.

„Ninjas …“ Rosie verdrehte die Augen.

„Ehemaliger Ninja.“

„Wie auch immer. Weck mich, wenn du fertig bist mit unserer Rettung.“

Trina setzte sich im Schneidersitz auf den Boden und begann damit, ihren Schraubenschlüssel zu polieren. Das tat sie immer, wenn sie angestrengt nachdenken musste. „Das ist nicht so einfach, fürchte ich. Der Jubilator ist völlig im Eimer, ich muss ihn fast komplett neu bauen. Wie ich schon gesagt habe, war er nicht darauf ausgelegt, Lebewesen zu materialisieren – oder in unserem Fall zu webtrialisieren. Um uns zurückzubringen, muss ich mir was einfallen lassen.“

„Du wirst es schon schaffen.“ Rosie gähnte. Wissenschaftliche Gespräche machten sie immer müde.

„Wenn ich den Transformator rückkopple und den Materieanreicher konvex gestalte … Das Problem ist nur, wir müssen absolut sicher sein, dass es funktioniert. Der kleinste Fehler und wer weiß, wo wir dann landen!“

In diesem Moment ertönte ein Schrei, dann ein Klappern und Rascheln, als Karacho in hohem Bogen aus dem Dornenstrauch geschossen kam. Seine Ninjareflexe retteten ihn vor einem harten Aufprall, stattdessen landete er gekonnt neben den Mädchen. Seine Hose war zerrissen und seine Haare durcheinander. „Was für fiese Fallen! Eine hat mich doch glatt erwischt und hinauskatapultiert.“ Er rieb sich die Hände. „Ich wette, es gibt dort auch tödliche Speerfallen. Ich muss gleich nachsehen!“ Damit eilte er wieder in sein Versteck.

Trina war zu ihrem Wohnmobil zurückgeschlendert, ganz ins Nachdenken und Schraubenschlüsselpolieren vertieft.

Rosie blieb allein mit dem plätschernden Bächlein und schloss die Augen. Im Internet war es auch nicht viel anders als zuhause.

Kapitel 2.1