Amazing Web Adventures 3.1 – Doktor Frankenstein lässt grüßen
„OK, erkläre mir noch einmal, warum wir das hier tun? Ich raffe es nicht!“ Rosie stand unweit des Metalltisches und beäugte misstrauisch den Umriss unter der grauen Plane.
„Schon wieder?“ Trina reichte ihrer Freundin zwei dicke Kabelenden. „Hier halt mal, aber die dürfen sich ja nicht berühren! Ich muss erst eine passende Lüsterklemme finden.“
„Vielleicht verstehe ich dann, warum wir diesen blöden Roboter reparieren müssen. Dieses Ding hat uns ausspioniert und sabotiert. “Wir sollten es in die Schrottpresse geben.“ Sie deutete mit den Kabeln auf die MIAU unter der Abdeckung. Dann führte sie probeweise die beiden Enden aneinander.
Aber gerade, als sie sich fast berührten, nahm Trina sie ihr wieder ab. „Ich sagte nicht. Die sind mit der Teslaspule da vorne verbunden, du siehst doch schon den Strom knistern. Es sei denn, du magst dich gerne kross.“
„Ich wollte die gar nicht zusammentun. Und kross mag ich nur Hähnchen. Überhaupt, es ist Zeit für das Mittagessen, statt hier Frankenstein zu spielen. Wir könnten uns von der Archer’s-Website ein paar Sandwichs angeln.“
„Später. Erst bringen wir die MIAU wieder ans Laufen, die du kaputt gemacht hast.“
„Notwehr!“
„Sie hat ja nicht mal Krallen.“
„Ein Glück, ansonsten wäre ich Geschnetzeltes!“ Züricher Art, dachte Rosie und bekam nur noch mehr Hunger.
„Und sie konnte auch nichts dafür, dass sie spionieren musste. Professor Messing hat sie so gebaut. Aber damit ist jetzt Schluss, ich habe ihre Software gecrackt und das Spionage-Sabotage-Programm deaktiviert.“
„Was auch immer … Ich halte die ganze Aktion für Mumpitz.“ Rosie schüttelte den Kopf. Niemand hörte auf ihre Ratschläge.
„Hey, muss ich das noch lange hoch halten? Es wird schwer!“ Karacho stand neben einem surrenden Transformator und hielt eine Antenne mit einer Kugel an ihrer Spitze in die Höhe. Von Zeit zu Zeit sprang ein Stromfunke zu dieser Kugel und erfüllte den Raum mit knisternder Helligkeit.
„Ist wirklich wie bei Frankenstein hier mit all den Apparaten und so.“ Rosie kurbelte an einem Kasten mit Zahnrädern außen dran, aber zu ihrer Enttäuschung passierte nichts.
„Na, ich habe mir das auch alles von einer Frankenstein-Fanpage geangelt. Ich dachte, es macht was her.“ Die Erfinderin winkte Karacho zu einer Hebebühne: „Stell die Antenne da drauf und dann fahr sie nach oben.“ Die Dachluke der W.E.W. stand offen. „Damit holen wir uns einen fetten Blitz.“
„Draußen scheint die Sonne, falls es dir noch nicht aufgefallen ist.“
„Keine Sorge, Rosie. Ein Gewitter ist schon programmiert und sollte jeden Moment beginnen.“ Wie auf Bestellung ertönte ein Donner und in Windeseile zogen dunkle Wolken am Himmel auf. Dann fing es auch schon an zu regnen.
„Meine Comicheftchen!“ Rosie stürzte zu einer der Luken und schaute wehmütig nach draußen. Das Wasser strömte nur so vom Himmel, keine Chance, dass eines ihrer Comics das überlebte. Am Horizont fraßen sich die ersten Zickzacklinien der Blitze in die Dunkelheit.
„Gleich geht es los! Alle auf ihre Plätze! Rosie, du auf das Hollandrad. Karacho an die Schalttafel da vorne. Wenn ich es dir sage, betätigst du die Hebel.“
„Was?! Wir haben doch Strom! Warum soll ich wieder radeln?“
„Es ist jetzt auch kein Notstromgenerator, sondern ein linksdrehender Teslaspulenbeschleuniger. Du musst nicht schnell fahren, sondern nur die Umdrehung konstant halten.“
„Ach, je …“ Widerwillig kletterte Rosie auf den unbequemen Sattel. Bestimmt brauchten sie den linksdrehenden Teslaspulenbeschleuniger gar nicht, aber sie konnte ihre Vermutung leider nicht beweisen. „Hey, das geht ja viel schwerer!“ Sie trat angestrengt in die Pedale.
„Liegt am Drehmoment. Noch etwas schneller, so ist es gut. Die Geschwindigkeit beibehalten.“ Zwei hohe Säulen, an denen blaue Energieblitze tanzten, begannen sich zu drehen. „Setzt alle eure Schutzbrillen auf!“
„Soll ich was umlegen?“, rief Karacho. Statt Hebeln wären ihm allerdings ein paar Feinde lieber gewesen.
„Jetzt, den in der Mitte!“ Der Junge zog ihn nach unten und aus einem Kessel entwich zischend der Dampf.
Das Gewitter war nun direkt über ihnen, sein Lärm ohrenbetäubend. Immer wieder krachte und donnerte es so heftig, dass die W.E.W. zitterte.
Trina, die Schweißerbrille auf der Nase, lief hierhin und dorthin, drehte an einem Steuerrad, drückte einen Knopf, prüfte den Druck, erhöhte den Stromfluss, ließ Dampf ab und rieb sich immer wieder die Hände. Ein Blitz schlug in die ausgefahrene Antenne ein, jagte daran entlang und brachte überall Lampen zum Blinken. „Wir sind aufgeladen! Jetzt die beiden Hebel links! Schneller, Rosie! Der nächste Einschlag ist der Entscheidende!“ Sie stand nun wieder am Tisch mit der zugedeckten MIAU und befestigte weitere Kabel an deren Messingleib. Trina sah dabei aus wie ein durchgeknallter Albert Einstein.
Rosie ächzte und stöhnte, das Radeln war anstrengend und die Atmosphäre in diesem Frankensteinlabor so aufgeladen, dass ihr die Haare zu Berge standen.
Dann gab es ein so gewaltiges Donnern, dass selbst Karacho ängstlich zum Himmel blickte, aber das Wohnmobil fiel glücklicherweise nicht auseinander. Und im nächsten Moment löste sich von dort oben ein Blitz, raste im Zickzack heran und schlug knisternd und krachend in die ausgefahrene Antenne ein.
„Jetzt!“, kreischte die Erfinderin.
Rosie konnte sie schon nicht mehr sehen, weil die Helligkeit sie blendete. Wie gut, dass sie doch noch ihre Schutzbrille übergezogen hatte. „Kinder, macht das bloß nicht zuhause“, brummte sie und ließ den Teslaspulenbeschleuniger Teslaspulenbeschleuniger sein. Als sie wieder etwas erkennen konnte, spielten die Maschinen verrückt, während Energieblitze um sie herum tanzten. Karacho hatte der Einschlag durch die Luft und auf den Kühlschrank gewirbelt.
„SIE LEBT! SIE LEBT!“ Trina streckte triumphierend die Arme in die Höhe.
Und tatsächlich begann die MIAU unter der Plane zu zucken. Erst die Hinterpfoten, dann die Vorderpfoten und schließlich der mechanische Schwanz.
„Ist ja wie aus einem schlechten Horrorfilm“, knurrte Rosie und sah sich vorsichtshalber nach einem Kehrblech um. Aber es war natürlich keins greifbar.
Trina zog die Abdeckung weg. „ERHEBE DICH! LEBE!“
„Musst du immer in Großbuchstaben schreien?“
„’tschuldigung. Ich dachte, das gehört dazu.“ Sie beobachteten fasziniert, wie sich die MIAU ungelenk aufrichtete, den Kopf einmal um 360° drehte und sich in bester Katzenmanier streckte.
„Juhuuu!“ Die Erfinderin kontrollierte Daten an einem Monitor. „Alle Systeme hochgefahren, Softwareupdate eingespielt, Schadensanalyse negativ.“
Rosie beugte sich misstrauisch vor und starrte der MIAU direkt in die Kameraaugen. „Du bist Schrott, wenn du noch mal irgendetwas spionierst!“, zischte sie und ballte die Faust, so dass es nur die mechanische Katze sehen konnte.
In deren Kopf klickte es, als die Gesichtserkennung sich an Rosie erinnerte, dann gab sie ein Fauchen von sich und machte einen Buckel.
Vor Trina blinkte es rot auf. „Was ist das? Ein Problem mit der Software. Irgendetwas geht schief!“ Sie tippte hastig Befehle ein, aber es war schon zu spät …
Durch die MIAU ging ein Rucken und Zucken, dann gab sie ein lautes Kreischen von sich und schoss plötzlich davon. Dank des Impulsgebers, den Trina neu kalibriert hatte, mit einem solchen Zahn, dass sie einfach durch die Blechwand der W.E.W. schlug und wie von der Tarantel (oder Rosie) gestochen zwischen den Hügeln verschwand.
„Also ich habe nichts gemacht!“, sagte Rosie und verschränkte die Arme hinter dem Rücken.
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