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Amazing Web Adventures 3.2 – Wie das Trio schließlich in die Luft ging

„Na, so was …“ Trina stand vor dem Loch in der Außenhülle und sah verblüfft hindurch. Das Gewitter war so schnell verschwunden, wie es gekommen war und hatte der Sonne das Feld überlassen. 

„Ich habe wirklich nichts gemacht“, wiederholte Rosie und genehmigte sich einen Tee der Stufe süß. „Aber ich habe ja gesagt, dass wir unsere Fähigkeiten lieber nicht mit dem Schrotthaufen verplempern sollen. Da draußen wartet ein verrückter Professor darauf, das Internet mit dem Websubstanzdings in Schutt und Asche zu legen.“

„Genau! Es wird Zeit für eine ordentliche Keilerei. Der hat uns nicht umsonst reingelegt.“ Karacho nahm sich einen Trinkjoghurt aus dem Kühlschrank. „Wir brauchen“, sinnierte er mit weißem Joghurtbärtchen, „ebenfalls eine Rakete.“

„Mit einem megagroßen Bordgeschütz, damit wir diesen Messingheini vom Himmel pusten können!“

Trina war gerade damit fertig, das Katzenloch zu versiegeln und setzte sich die Schweißerbrille auf die Stirn. „Ich brauche erst einmal eine Dusche.“

„Jetzt ist keine Zeit für Körperhygiene!“ Rosie fand ohnehin, dass dafür meist keine Zeit war.

„Aber Duschen regt meine Gehirntätigkeit an, ich kann dann besser denken.“

„Ich hole die Gießkanne.“

Trina seufzte: „Ist ja schon gut. Ich erfinde euch etwas.“ Sie setzte sich an ihren Zeichentisch und fing an, Entwürfe auf Papier zu bringen. „Sagt mir noch mal, was wir unbedingt brauchen.“

„Bordkanone!“

„Turboantrieb!“

„Küche!“

„Andockschleuse!“

„Geheimausgänge!“

„Professor Messing-Radar!“

„Waffenarsenal!“

„Kommandobrücke!“

„Noch eine Bordkanone!“

„Gefängniszelle!“

„Erholungsraum!“

„Tarnkappe!“

„Noch eine Bord…“

Die Erfinderin winkte ab. „Mehr Kanonen brauchen wir nicht, Rosie.“

„Mir ist nichts mehr eingefallen.“ Sie wischte sich über die Stirn. „Ganz schön anstrengend, dieses Nachdenken. Ich muss dringend ein Nickerchen machen.“ Der Sonnenschein draußen war zu verführerisch und ihre Hängematte sah so alleine ganz unglücklich aus.

„Ja, geht nur. Ich brauche ohnehin Ruhe bei meiner Arbeit.“ Trina strich nachdenklich über ihren Schraubenschlüssel. „So könnte es gehen …“

Die beiden anderen ließen sie allein und gingen nach draußen. Rosie gähnte herzhaft. „Weckt mich, wenn ihr fertig seid.“

„Also ich gehe jetzt erstmal trainieren. Ich will fit sein, wenn wir gegen diesen Messing antreten.“

„Mach nur.“ Sie rollte sich in ihrer Hängematte zusammen. „Aber wer muss für den üben? Ein ordentliches Kehrblech und der Rest ist ohnehin Begabung.“ Dann war sie auch schon eingenickt, ohne sich am Hämmern und Säge aus der Erfinderwerkstatt zu stören.

„Hey, wach endlich auf! Wie kann man nur so viel schlafen?“ Trina rüttelte an der Hängematte, bis Rosie langsam wieder zum Leben erwachte.

„Ich bin als Kind zu sehr gefordert worden, das hat meine ganze Energie verbraucht. Frag meine Eltern.“ Sie rieb sich die Augen, dann tastete sie umher, bis sie eine Packung zerbröselter Kekse fand. „Hätten die und die Schule nicht zu viel von mir verlangt, wäre aus mir ein ganz normaler Teenager geworden.“ Fröhlich kauend schwang sie die Füße auf den Boden. „Aber so habe ich noch mal Glück gehabt und kann …“ Sie runzelte die Stirn. „Wie heißt das Wort, wenn man träge ist?“

„Misanthropisch?“

„Genau das.“ Rosie reckte sich und blinzelte in den Nachmittag. Ein bisschen Planschen im Fluss käme jetzt genau richtig. „Was steht an?“ Sie musste sich unbedingt ein paar neue Comicheftchen angeln.

„Fällt dir nichts auf?“

Rosie betrachtete die Erfinderin kritisch. „Nö, was denn? Hast du eine neue Frisur?“ Aber Trina sah aus wie immer.

„Doch nicht an mir, Adlerauge. An der W.E.W.“

„Ach, so …“ Der alte Wohnwagen stand nach wie vor an seinem Platz, allerdings hatte er sich merklich verändert. Statt der Holztreppe gab es eine einziehbare Gangway, rundherum verliefen Messingrohre, an den Seiten war jeweils ein kleines Bordgeschütz montiert, dazu ein Raketenantrieb. Und auf dem Dach lag eine riesige, graue Plane. „Ich muss wohl ziemlich tief geschlafen haben. Aber warum die Plane? Bist du mit dem Einpacken nicht fertig geworden?“

„Quatsch, warte nur ab.“

Hinter ihnen gab es ein Rascheln und im nächsten Moment sprang Karacho zwischen sie. „Vielleicht ist es die Tarnkappe.“

„Nee, kommt mit, ich zeige es euch.“ Sie folgten der Freundin zur W.E.W. und blieben davor stehen. „Ich habe die Fahrerkabine wieder in Betrieb genommen.“ Sie kletterte auf den Sitz hinter dem Lenkrad und betätigte einige Knöpfe.

Mit einem Zischen und Rumpeln begann sich die Plane auf dem Dach aufzublasen, immer weiter und weiter, bis es ein prall gefüllter Ballon war.

„Sieht aus wie ein Zeppelin!“

„Sieht aus wie ein Zäpfchen“, knurrte Rosie. 

Oben drauf standen drei dünne Propeller, die sich träge im Wind drehten, außerdem eine kreisförmige Antenne und ein Periskop. An den Seiten ragten kurze, schwenkbare Tragflächen heraus und am Ende ein weiterer, großer Propeller, direkt über dem Raketenantrieb.

Kaum war der Ballon gefüllt, erhob sich die W.E.W. in die Höhe, wurde aber von einem Anker am Boden festgehalten.

Trina sprang heraus und kam strahlend zu ihnen herüber. „Und, was sagt ihr? Ist es nicht ein Prachtstück? Jules wäre bestimmt begeistert gewesen!“

„Kenne ich nicht. Ich dachte, wir kriegen einen Düsenjäger mit Laserkanonen oder so. Wie sollen wir mit diesem Luftballon Messing und seine Rakete einholen, geschweige denn, vom Himmel pusten?“ Rosie war sichtlich enttäuscht. Fahrzeuge konnten ihr nicht schnell genug sein, mal abgesehen vom morgendlichen Schulbus (und allem, bei dem man selbst treten musste).

„Keine Bange, die W.E.W. wird das schon schaffen. Sie ist perfekt auf Reisen im Äthernetz ausgelegt. Zumindest nehme ich das an, weil es dazu bisher keine Fachliteratur gibt.“

„Wen interessieren schon Bücher, hier geht es um knallharte Action!“ Rosie musste in einer ruhigen Minute mal unauffällig nachschlagen, was dieses Ätherzeugs überhaupt war.

„Wann geht es los?“, wollte Karacho wissen und führte zur Probe einen Handkantenschlag aus, um zu sehen, ob er noch in Form war. Wäre Luft Brot, hätte er damit eine schöne Scheibe abgeschnitten.

„Wenn ihr so weit seid! Unser Luftschiff steht für seine erste Internetjungfernfahrt bereit. Navigatorin Trina meldet volle Einsatzbereitschaft.“

Rosie drückte den Rücken durch und setzte eine ernste (statt mürrische) Miene auf: „Endlich reden wir Klartext! Ätherkapitänin Rosie übernimmt das Kommando. Navigatorin Trina, bereiten Sie den Start vor. Schiffsjunge Karacho, Deck schrubben.“

„Spinnst du? Ich bin doch nicht der Schiffsjunge! Ich will Kapitän sein!“

„Dafür bist du zu klein, du kannst nicht mal von der Fahrerseite aus dem Fenster gucken. Außerdem bist du hier der einzige Junge.“

„Ich kann ein Kissen auf den Sitz legen!“

„Das ist nett, ich sitze gerne gemütlich. Du kannst Bordkanonier sein.“

Karacho wollte gerne unbedingt Kapitän sein, aber gegen Rosies Sturheit würde er nicht ankommen. „Dann Kanonier und erster Offizier. So bin ich Kapitän, wenn du im Kampf verwundet wirst.“

„Davon träumst du! Vermutlich bist du der kleinste erste Offizier der Welt, aber damit musst du leben. Alle an Bord!“, brüllte sie. In ihrer neuen Rolle musste man brüllen. „Anker lichten! Propeller anwerfen! Kielholen!“

„Das doch nicht. Hier, rück mal durch, damit ich hinter das Steuer kann.“ 

„Dann lasst Kiel wo es ist.“ Rosie mühte sich auf den Beifahrersitz. „Reichlich … eng … hier.“

Karacho war hinten eingestiegen und steckte den Kopf in die Fahrerkabine. „Wo fliegen wir eigentlich hin?“

„Gute Frage“, gestand die Kapitänin ein. „Wie verfolgt man eine Rakete?“

Trina betätigte ein paar Schalter und der Hauptpropeller setzte sich rumpelnd in Bewegung. „Mit Köpfchen und einer passenden Erfindung.“ Sie zog eine Klappe im Armaturenbrett auf, hinter der ein kleiner Bildschirm leuchtete. „Ich präsentiere: Der Websubstanzschwingungsanalysator! Er ist auf den Websubstanzpixeltransformationsmaterialisierungsjubilator kalibriert, wenn Messing damit Unfug treibt, können wir seine Spur aufnehmen. Vorausgesetzt, er treibt Unfug damit. Aber da habe ich beim Professor eigentlich keine Bedenken.“ Wie recht sie doch hatte.

„Also ich sehe nichts.“ Karacho starrte auf den Monitor.

„Ich muss ihn auch erst einschalten.“ Trina drehte an einem Knopf und im Grün tauchten schwarze Punkte auf. „Da, Spuren von Websubstanztransformation – er hat ihn schon eingeschaltet.“ Sie schob einen Regler in die Höhe. „Damit ist es ein Leichtes, seiner Rakete zu folgen. Der Analysator ist direkt mit unserem Navigationsgerät gekoppelt.“

„Ich sehe nur schwarze Punkte, bis auf den da, der ist größer.“ Rosie tippte mit dem Zeigefinger auf den Schirm und hinterließ einen Schokofleck vom dem Keks, den sie im Handschuhfach gefunden hatte. „Und er wächst.“

„Bingo! Das muss er sein.“

„Und noch größer“, ergänzte Rosie und krümelte fröhlich vor sich hin.

„Oh …“ Der Punkt war nun ein Fleck, der sich immer weiter ausbreitete, bis der gesamte Monitor schwarz war. Dann gab es ein Knistern und ein Rauchfaden stieg unter den Armaturen auf. „Durchgebrannt!“ Trina schaute mit großen Augen auf den kaputten Analysator.

„Man riecht es.“

„Was bedeutet das?“, fragte Karacho, der von dem ganzen Webgerede nichts verstanden hatte.

Die Erfinderin legte den Sicherheitsgurt an und rückte die Schweißerbrille zurecht. „Nichts Gutes! Professor Messing hat einen Batzen Web transformiert. Und bestimmt nicht ohne hinterlistige Hintergedanken.“ Da lag sie natürlich vollkommen richtig. „Haltet euch fest, es geht los!“ Sie trat das Gas durch (den Anker hatte sie zum Glück schon eingeholt) und im nächsten Moment schoss die umgebaute W.E.W. vorwärts, um sich dann rasant in den Himmel zu erheben. Trina und Karacho jubelten, aber Rosie war damit beschäftigt, ihre Kekse vom Boden aufzuklauben.

Kapitel 4.1