Amazing Web Adventures 4.2 – Wie die Freunde in die nächsten Schwierigkeiten gerieten
„Da vorne sind noch mehr von den Dingern.“ Karacho deutete in die Dunkelheit. „Die sind ja riesig!“
In einiger Entfernung schwebten sechs Ätherkraken dahin. Sie sahen aus wie Kalmare, mit einem röhrenförmigen Leib und acht langen Tentakeln. In unregelmäßigen Abständen lief der Regenbogenschimmer über sie. Und sie waren groß! Manche wie ein Tanklaster. Die konnten die W.E.W. zerquetschen wie eine reife Banane.
„Angeblich sind das nur die Jungtiere. Wenn uns ein Alter über den Weg läuft, dann auf Wiedersehen.“ Trina steuerte das fliegende Wohnmobil nun manuell, um auf Abstand zu bleiben. Es wirkte wie eine Unterwasserreise. „Seltsam …“
„Was denn?“
„Sie befinden sich genau auf unserer Flugbahn, aber ansonsten sind weit und breit keine Kraken zu sehen.“
„Du hast recht. Meinst du, die lauern uns auf?“
„Nein, ich glaube eher, dass sie von etwas angezogen werden. Vielleicht von der Webtransformation, die der Professor hinterlassen hat.“
„Dann wird er hoffentlich von einem von ihnen gefressen und die Sache erledigt sich von selbst.“ Rosie hatte es sich auf ein paar Kissen bequem gemacht. Ihr war immer noch schlecht. Aber Trina hatte ihr versichert, dass Ätherkraken bestimmt nicht giftig waren.
„Wenn er überhaupt so lange an einem Ort bleibt. Wir müssen auf jeden Fall vorsichtig sein. Der Krakenstörsender sollte sie fernhalten, aber bei einem größeren Exemplar wirkt er bestimmt nicht.“
Karacho nickte: „Ich lade vorsorglich die Kanonen, noch einmal lassen wir uns nicht von so einem Frittiertier überraschen.“
Sie glitten zwischen leuchtenden Webseiten hindurch immer weiter auf dem Kurs, den der Bordcomputer vorgab. Immerhin sahen sie bald keine Kraken mehr, aber auch nichts von Professor Messings Rakete.
„Sind wir bald da?“
„Woher soll ich denn das wissen?“, erwiderte Trina.
„Du bist die Navigatorin, darum.“ Bei langen Reisen gingen die Snacks zu schnell aus und die Pippipausen waren immer ein Staatsakt. Wo Rosie schon daran dachte: „Ich muss mal.“
„Wenn ich ein Toilettenhäuschen sehe, halte ich an.“ Die Erfinderin klang gereizt.
„WC-Webseiten für Ätherreisende, das ist eine Marktlücke. Wir könnten überall welche aufstellen und Gebühren bei Benutzung verlangen. Unser Schiffsjunge kann auch gleich der WC-Junge sein. Wir werden bestimmt reich.“
„Ich bin erster Offizier, ich putze keine Klos“, sagte Karacho beleidigt.
„Du bist Schuld, wenn wir nicht reich werden.“ Rosie nippte vorsichtig an ihrem ekelhaft süßen Tee. „Brrr, der ist so eklig, das hält auch kein Ätherkrake aus.“ Sie fand noch einen krümeligen Keks in ihrer Tasche und rundete so die Teestunde ab.
„Ich glaube, da vorne ist etwas!“
„Bist du sicher, Trina? Ich liege gerade so gemütlich und es ist schlecht für meine Gelenke, wenn ich mich umsonst aufrichte.“
„Aber ja doch. Vielleicht sind wir schon da.“
„Gut, ich sehe es mir an.“ Rosie mühte sich ächzend in die Höhe und schob Karacho zur Seite, um zurück auf den Beifahrersitz zu klettern. „Und was ist es?“
„Ich habe keine Ahnung.“
„Großartig“, knurrte sie und starrte aus dem Fenster.
„Sieht aus wie ein Wurfstern!“, rief der ehemalige Ninja.
„Quatsch, wie ein riesiger Donut.“
Vor ihnen schwebte ein seltsames Objekt im Äther. Ein kupferfarbener Ring von immensen Ausmaßen. Wie ein Planet, in den man ein Loch hineingestanzt hatte.
Trina stieß mit der Nase beinahe an die Scheibe. „Das ist kein Donut, das ist … ein Zahnrad. Und es ist webtransformiert!“
„Messing!“ Rosie knirschte mit den Zähnen und ballte die Fäuste.
„Eher Kupfer. Aber jede Wette, dass der Professor da ist.“
„Hab ich doch gesagt. Kannst du orten, wo er ist? Dann landen wir direkt neben ihm und hauen ihm eins auf die Glocke. Mein Kehrblech fühlt sich schon ganz minderwertig, solange hat es schon keine Beulen mehr verteilt.“
„Leider nicht. So fein kann ich den Websubstanzanalysator nicht einstellen. Wenn ich ihn erst mal repariert habe. Lasst uns erst einmal landen. Von hier oben sieht alles gleich aus, es ist also egal, wo wir runtergehen.“
„Und das war vorher mal eine Webseite?“, fragte er.
„Ja, ehe der Professor mit meiner Maschine darüber gegangen ist. Ich habe bloß keinen Schimmer, was das mal für eine Seite war. Nach der Transformation sind die Metatags nicht mehr zu gebrauchen.“
„Ich habe keine Ahnung, was du da faselst, aber vielleicht wurden hier Schrauben verkauft.“
„Wofür braucht Messing denn Schrauben?“ Karacho runzelte die Stirn.
„Na, bei ihm wird schon die ein oder andere Locker sein“ erwiderte Rosie grinsend.
„Vielleicht erkennen wir von der Oberfläche aus mehr, wenn wir gelandet sind.“ Trina sah auf ein Lämpchen am Armaturenbrett, das rot aufleuchtete.
„Was ist das?“, wollte der ehemalige Ninja wissen. Er war sich sicher, dass rote Lämpchen immer Gefahr und Action bedeuteten. Wurde ja auch Zeit, denn seit Anfang der Episode war noch nicht viel passiert.
Trina schaltete den kleinen Radarschirm ein, auf dem zwei Gründe Klötzchen flackerten. „Wir kriegen Besuch. Schaut mal nach unten, sie kommen vom Zahnrad.“
Alle quetschten sich an die Seitenscheibe, um nach draußen zu gucken. Aus der Innenseite des Zahnrades lösten sich zwei feurige Punkte und kamen rasch näher.
„Raketen!“
„Kampfjets!“
„Gigantische Roboter mit Jetstiefeln!“ Die Erfinderin hatte natürlich recht. „Und sie sehen nicht freundlich aus!“ Was vielleicht an den ausgestreckten Roboterfäusten lag, die direkt auf die W.E.W. gerichtet waren.
„Ahhh!“ Den Freunden blieb noch Zeit für einen kollektiven Aufschrei.
„Alarm! Alle auf Gefechtsstation! Sichert Kekse und Kühlschrank!“ Rosie brüllte, obwohl die anderen unmittelbar neben ihr saßen. Aber es wirkte, denn Karacho stolperte voller Übereifer sofort zu den Bordkanonen und Trina leitete ein Ausweichmanöver ein.
Die Roboter waren einen Kopf größer als die Erfinderwerkstatt, aus poliertem Metall, mit aerodynamischen Helmen, deren Sehschlitze rot leuchteten, eiförmigen Bäuchen und langen Stelzenbeinen samt Raketenstiefeln.
„Wie geil ist das denn!“, rief die Erfinderin, als die W.E.W. unter einem Faustschlag abtauchte. „Riesige Kampfroboter.“
„Riesige Krapfen wären mir lieber. Lass die Geschütze sprechen, Kapuzenzwerg!“
Thudd! Thudd! Thudd! Karacho saß in einem der kleinen Pilotensitze und hämmerte auf den Auslöser. Es war wie ein Videospiel, nur dass es statt des Bildschirms ein kleines Bullauge gab. Draußen raste gerade einer der Angreifer vorbei. Thudd! Das Geschütz verschoss einen weiteren Energieblitz, der im Äther verpuffte. „Daneben.” Die Roboter waren schnell und die Kanone zu behäbig.
„Mach weiter, ich versuche sie abzuschütteln.“ Trina ließ den Antrieb aufheulen, dass die W.E.W. nur so zitterte und schrammte ganz dicht an einem Handkantenschlag vorbei. Die Außenhülle knirschte verdächtig.
„Ist wohl besser, wenn ich denen Saures gebe.“ Rosie zwängte sich zurück in die Werkstatt.
Thudd! Die Detonation war noch durch die Hülle zu hören, als der Ex-Ninja einen Treffer landete. Er hatte einen der vorbeifliegenden Kolosse an der Schulter getroffen und einen Augenblick später segelte ein mechanischer Arm an ihnen vorbei. Der Roboter sackte trudelnd ab, um gleich darauf wieder aufzusteigen. „Mist, er kommt zurück.“
„Lass Mama mal zeigen, wie man die Keule schwingt!“ Rosie zerrte den Sitz heran und quetschte sich hinein.
Trina bremste abrupt ab und ließ den einarmigen Gegner ins Leere fliegen.
„Herrgott, was ist das für ein Minisitz?“ Rosie zappelte verzweifelt, um sich aus der Umklammerung der Armstützen zu befreien. Thudd! Thudd! Thudd! Thudd! Ihr Ellenbogen stieß gegen den Auslöser der Bordkanone, gerade als der nächste Roboter zu einem Faustschlag ansetzte. Thudd! Bumm! Volltreffer! Der Angreifer löste sich in einem Feuerball auf. „Sag ich doch!“, rief Rosie, konnte ihren Triumph aber nicht wirklich genießen, da sie sich so sehr verkeilt hatte, dass sie nicht mal mehr den Arm bewegen konnte. „Hilfe.“
„Wo ist der andere? Ich kann ihn nicht sehen“, rief Karacho, der als Bordkanonier unbedingt auch einen Abschuss verbuchen wollte.
„Auf Kollisionskurs!“ Trina biss sich auf die Unterlippe. Der Kampfroboter kam geradewegs auf sie zu. Seine Faust war ganz schön groß. „Halte dich bereit zum Feuern.“ Ihre Finger umkrampften das Lenkrad. Sie musste die W.E.W. im richtigen Moment herumreißen, um Karacho die Möglichkeit für einen gezielten Treffer zu geben. Schon konnte sie das rote Leuchten im Visier des Gegners sehen. „Jetzt!“ Sie kurbelte wie besessen, die Erfinderwerkstatt drehte sich halb zur Seite, Metall quietschte, Rosie ächzte, aber brachte den Roboter haargenau in Karachos Schusslinie. Sofort gab es eine Reihe von Geräuschen – das Thudd! der Kanone, das Plop der freikommenden Rosie, das Kawawum des explodierenden Roboters und das Pumpf! der gegen den Kühlschrank krachenden Rosie.
„Yippie!“ Karacho betrachtete strahlend den Feuerball vor sich. Sah schön aus. Dann bekam er große Augen. „Dreh ab! Dreh ab!“ Aus dem gleißenden Licht raste die geballte Faust des Roboters weiter auf sie zu. „Abdrehen!“
Trinas Radar war von den vielen Trümmerteilen zeitweise verwirrt, so dass sie den flackernden Punkt zu spät bemerkte. „Festhalten!“ Sie trat das Gaspedal ganz durch, um das Letzte aus dem Antrieb rauszuholen, dann schossen sie vorwärts. Pumpf! Rosie knallte gegen die Werkbank.
Karacho starrte entgeistert auf die Metallfaust, die geradewegs auf ihn zuhielt, und vergaß völlig zu feuern. Groß und immer größer, um ihn jeden Augenblick einen Stüber zu verpassen, der ihn zurück in die analoge Welt katapultiert hätte. Man musste ihm aber zu Gute halten, dass er keinmal geblinzelt hat.
Die W.E.W. bewegte sich wie in Zeitlupe vorwärts. Immerhin weit genug, um Karacho und Faust keine Bekanntschaft machen zu lassen. „Puh!“ Dafür Faust und Raketenantrieb.
Mit einem gewaltigen Krachen schlug sie gegen den hinteren Teil des Wohnmobils, zertrümmerte zwei der Düsen und trudelte dann wild rotierend in die Dunkelheit davon. Sofort schalteten sich die Notbeleuchtung an und der Antrieb aus. Einen atemlosen Moment lang war es ganz still, glitt die W.E.W. gemächlich vorwärts, dann meldete sich die Anziehungskraft des Zahnrades. Die Schnauze des Wagens senkte sich plötzlich nach unten und es ging abwärts. Und zwar rasant.
Dem Trio blieb gerade noch Zeit für ein weiteres, kollektives „Ahhh!“, gefolgt vom Pumpf! als Rosie gegen die Trennwand zur Fahrerkabine klatschte.
„Wir stürzen ab!“ Karacho war wenigstens angeschnallt, genau wie Trina.
„Blitzmerker“, stöhnte Rosie und klammerte sich an einem Regal fest. Durch die Frontscheibe konnten sie das Zahnrad unter sich sehen. Sie hielten sehr schnell auf die polierte Metallfläche zu. „Tut was!“
„Ich versuche es ja!“ Trina zog das Steuerrad zurück, aber erreichte nur, die W.E.W. heftig bockte, knirschte und ächzte. „Wir müssen eine Notlandung versuchen!“
„Aber wir sind viel zu schnell! Wir werden zerschellen!“ Karacho liebte zwar Achterbahnfahrten, aber bei denen ging es auch wieder aufwärts.
„Die Bremsen schaffen das nicht. Ich werde den verbliebenen Antrieb wieder einschalten. Das dürfte reichlich holprig werden, haltet euch gut fest. Hoffentlich fliegt er uns nicht um die Ohren.“ Trina drückte einen roten Schalter und alle hielten den Atem an.
Endlich zündete die Rakete und brachte sie mit einem Satz noch näher an die Oberfläche heran. Alle schrien. Trina lief Schweiß über das Gesicht, ihre Arme schmerzten, so stark zerrte sie am Lenkrad. Die von Rosie schmerzten ebenfalls, weil sie sich mit aller Kraft am Regal festhielt. Ihr Bedarf an weiterem Pumpf! war gedeckt.
„Es funktioniert!“ Langsam wechselten sie von einem senkrechten in einen annähernd waagerechten Sturzflug. „Alles fertigmachen zur Notlandung!“
„Bin fertig!“, antwortete Karacho.
Der Boden war nun zum Greifen nahe, jeden Moment würden sie aufsetzen oder zerschellen.
„Hey, ich nicht! Ich bin nicht Pumpf!-sicher!“
„Kontakt in 3 …“
Die W.E.W. vibrierte nun so heftig, dass Karacho das Gefühl hatte, in einem verrückten Massagesessel zu sitzen.
„… 2 …“
Die Unterseite des Wohnmobils streifte das Zahnrad mit einem Laut, der den Freunden das Herz in die Hose rutschen ließ.
„… 1 …“
„Ahhh!“
„Kontakt!“ Das Fahrzeug setzte so heftig auf, dass die Federn ächzten. Es stank nach verbranntem Gummi. Alle wurden unsanft durchgerüttelt. „Antrieb aus. Geschafft!“, jubelte Trina.
„Wir leben noch!“ Rosie konnte es kaum glauben.
„Aber wir fahren noch! Besser gesagt: Wir rasen!“ Der ehemalige Ninja fuchtelte wild mit den Armen.
Trina lächelte: „Ich weiß. Unsere Bremsen würden es bei der Geschwindigkeit nicht schaffen. Wir rollen einfach aus. Hier gibt es weit und breit kein Hindernis.“
„Aber einen Abgrund!“
„Natürlich, dort, wo das Zahnrad zu Ende ist oder ein Loch hat.“
„Da vorne!!!“
„Das wäre schlecht.“
„Das ist schlecht!“, kreischten Rosie und Karacho unisono. Sie hatten recht. Die W.E.W. hielt geradewegs auf das Loch zu. „Lenken!“
Die Erfinderin drehte sich um und runzelte die Stirn. „Geht nicht bei der Geschwindigkeit. Ich dachte, wir kommen vorher zum Halten. Da habe ich mich wohl verschätzt.“ Eilig drückte sie auf zwei Knöpfe und zog an einem Hebel. „Ich aktiviere Bremsschirm und Anker. Aber eigentlich ist es dafür schon zu spät.“
„Ahhh!“
Und das Wohnmobil raste einfach über den Rand hinweg ins Leere.
One thought on “Amazing Web Adventures 4.2 – Wie die Freunde in die nächsten Schwierigkeiten gerieten”