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Die letzten Tage

Erwachen. Aus tiefem Schlaf. Oder noch tieferem Vergessen. Dort draußen. Um dich. Ist das Leben. Deine Lider stemmen sich gegen die Last, die es mit sich bringt. Lassen dein Bewusstsein hinausblicken. Du bist. Das ist es, was in diesem Augenblick zählt. Sein. Dasein. Bewusstsein.

Die Sonne hoch über dir. Blauer Himmel. Einige Möwen, die ihre Kreise ziehen. Sich dem Wind überlassen, der hier unten keine Abkühlung bringt. Hitzeflimmern. Du spürst den Schweiß auf der Haut. Den Geruch des Meeres, das Salz auf den Lippen. Wo ist das Rauschen der Wellen? Kaum zu hören unter dem Lärmen der Menschen. Gelächter, Stimmengewirr, Rufe. Frauen und Kinder. Kaum Männer. Die sind nicht hier. Nicht am Strand. Nicht in der Stadt. Warum allerdings du hier bist, weißt du nicht. Vergessen. Verdrängt.

Du richtest dich langsam auf. Es fühlt sich an, als hättest du dich Jahre nicht bewegt. Das Sonnenlicht lässt die Farben um dich herum schmerzlich intensiv wirken. Bunte Sonnenschirme und Handtücher. Flatternde Bänder an Sonnenhüten. Punkte und Streifen auf Badeanzügen. Bälle, die über den Sand rollen. Ein paar Papierdrachen, die an ihren Leinen reißen.

Endlich stehst du, wankend, inmitten der Menschen. Dicht an dicht. Der Sand unter deinen Füßen ist heiß, als du ein paar unsichere Schritte machst. Auf das Wasser zu. Blau und glitzernd. Das Meer, an das sich die Stadt in deinem Rücken schmiegt. Die große Stadt mit ihren Hochhäusern  aus grauem Stein und Glas. Keiner ist dort. Sie sind alle hier. Um noch einmal zu genießen. Die letzten Tage.

Für einen Moment schießt du die Augen. Horchst nur auf das Lachen und Rufen der Kinder, auf das Kreischen der Möwen und das stetige Rollen der Wellen. Alles klingt wie eine Erinnerung. Gedämpft, weit fort. Vielleicht ist es das schon? Du bist nicht sicher. Die letzten Tage. Du weißt, dass sie es sind. Die letzten. Vor dem Krieg.

Du öffnest die Augen und blickst geradewegs auf das Meer hinaus. Dort, auf der anderen Seite, brennt die Welt. Du siehst die Rauchwolken. Die Vorboten. Nicht mehr lange, und sie sind hier. Graue Säulen, die in den blauen Himmel steigen. Sich ineinanderschieben. Den Menschen hier an die letzten friedlichen Tage gemahnen. Ehe der Krieg kommt und alles ändern wird. Aber du ignorierst die Mahnung. Das Einzige, an was dich die sich vermengenden Rauchsäulen erinnern, ist ein weiblicher Schoß. Ein gewaltiger, weiblicher Schoß, der über dem Land hängt.

Du wendest dich ab. Wanderst zwischen den Frauen und Kindern hindurch. Ihre Männer sind schon längst eingezogen. Warten in den Kasernen vor der Stadt. Niemand fragt, warum du nicht unter ihnen bist. Du fragst dich das nicht einmal selbst.

Stattdessen wendest du dich ab, weg vom Strand. Steigst die Stufen zur Promenade hinauf. Deine bloßen Füße auf dem heißen Stein. Stehst unbedeutend und klein vor dem Moloch aus Stahlbeton und Glas. Riesige Hochhäuser, die in den strahlenden Himmel stoßen. Grau und kalt. Völlig ausgestorben. Keinerlei Regung in den endlosen Schluchten. Nur die steinernen Augen der Falken über dir. Stilisierte Wasserspeier, die Schnäbel zu einem stummen Schrei aufgerissen. Embleme über Haustüren, die Krallen im Sturzflug gezückt. Unter ihrem Blick wanderst du los.

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Inspieriert vom Ambientstück Last Day Before The War von Doc & Lena Selyanina.

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