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Der Hohepriester

Der Himmel draußen ist endlos und tiefschwarz, durchzogen von karmesinroten Adern, die geradewegs aus den zerklüfteten Bergen zu entspringen scheinen. Auch wenn di durch das dreieckige Fenster nur einen Ausschnitt der unwirklichen Landschaft sehen kannst, spürst du das schiere Alter des grauen Gesteins. Uralt und verboten. Voller Geheimnisse und Schrecken, die verborgen bleiben müssen.

Und nach denen dennoch gesucht wird. Auch hier oben, am Ende der Welt. In einem Tempel, der schwindelerregend über den unsäglichen Abgründen vergangener Zeitalter thront. In einer Kammer im höchsten Turm, der verwegen in den unheilvollen Himmel deutet Wände aus massiven Steinblöcken, zwei Fenster weit oben im Mauerwerk. Ein Durchgang, ebenfalls dreieckig, verborgen hinter einem morschen, graugelben Vorhang. Drei steinerne Becken, in denen Kohlen glühen und eine drückende Hitze verbreiten. Der niedrige, massive Steintisch in der Mitte des Raumes. Nur eine irdene, abgedeckte Schale darauf.

In die Stille dringt immer wieder der Klang eines gewaltigen Gongs, der irgendwo in den Tiefen des Tempels stehen muss. Ein dumpfer, nachhallender Ton wie das Schlagen eines mächtigen Herzens. Manchmal ist da auch ein schwacher Singsang, befremdlich und dissonant, den der Wind in Fetzen heraufträgt. Die Töne verfangen sich im Gewand des Hohepriesters, der dir gegenübersitzt. Sie bewegen sich in den Falten des zerschlissenen Stoffes, der von einem schmutzigen Gelb ist. Ein kranker, abstoßender Farbton, der exakt dem seiner Augen entspricht. Gelbe, starrende Augen. Kein Zucken der schweren Lider. Keine Bewegung der kalten Pupillen. Ein lebloser Blick, in dem die Geheimnisse des Kosmos eingefroren sind. Die Augen sitzen in eingesunkenen Höhlen, in einem alten Gesicht mit lederner Haut. Völlig kahl, nicht einmal Brauen. Nur diese Augen über der breiten Nase und dem schmalen Mund. Farblose Lippen über bräunlichen, scharfen Zähnen, zwischen denen sich die spitze Zunge windet wie ein gefangenes Tier. Er spricht, langsam, kaum hörbar. In fremden Worten, die keiner sterblichen Kehle je entspringen können. Ein Flüstern und Murmeln über Wissen und Macht und Versprechungen. Er redet und redet. Umgibt dich mit seinen Worten. Mit den Bildern, die sie beschwören. Füllt deinen Schädel, bis sie Eins sind mit dem pochenden Schlagen des Gongs. Oder deines Herzens. Du fühlst du Weite in seinen Sätzen. Die Abgründe. All das Verbotene, Vergessene, das er dir offenbaren kann. Als würde er dich hinausführen, hinauf auf die einsamen Berge, auf die kein Sterblicher seine Schritte lenken darf. Mit dir hinabsteigt in die verfluchte Kaverne unter dem Tempel, in dem das Grauen die Wahrheiten des Universums wispert. Wissen, das niemandem sonst erlaubt wird. Nur dir. In diesem Moment.

Während die Worte sich in dich bohren, dich heranziehen, einspinnen, bewegen sich seine Hände. Lange Finger mit spitzen, schmutzigen Nägeln, gleiten über die Steinplatte. Legen sich auf die irdene Schale. Heben ganz langsam den Deckel an.

Du weißt, dass alles dein sein kann. Dass du sehen und verstehen wirst. Erblicken wirst, was verborgen liegt. Verboten ist. Du musst nur wollen. Nur zustimmen. Und geben. Nur eine Sache. Eine Entscheidung.

In der Schale liegt es, das Herz. Warm und pulsierend. Es ist der Takt, der den Tempel erfüllt. Lebendig, feucht, schimmernd. Das Herz. Dein Herz. Die Gabe. Der Preis. Für das Wissen. Für die Unendlichkeit.

Die Finger greifen danach. Heben es an. Die schmutzigen Nägel streifen das weiche Fleisch. Du fühlst den Druck, das leichte Kratzen. Schmerz. Du weißt, dass es deins ist. Deine Gabe. Der gezahlte Preis. Die Entscheidung ist schon längst gefallen. Es gibt kein Zurück mehr. Schon von Beginn an nicht. Du willst wissen. Mit aller Hingabe. Mit deinem tiefsten Inneren. Bezahlst du.

Der Priester mit dem dämonischen Blick hebt das Herz. Es pulsiert zwischen seinen Fingern. Während er es an seine Lippen führt, halten dich die gelben Augen gefangen. Ein dunkler Rachen, die angelaufenen Zähne davor. Scharf. Senken sich in einen alles erschütternden Schrei aus deiner Kehle.

(Die Szene war ein Epilog für eine Rollenspielrunde um Träume und Traumwelten.)

Published inRollenspieleTexte