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Flammen

Im Traum hast du die Welt in Brand gesetzt. Wie und warum, weißt du nicht mehr. Nach dem Aufwachen liegst du ruhig, versuchst dich zu erinnern. Aber da sind nur das Wissen und das Gefühl von Schuld. Die in der Stille noch lastender scheinen. Stille? Du hebst den Kopf. Nein, es ist nicht still. Da ist ein Flüstern. Wie von tausend Stimmen. Wie vom Wind. Draußen. Und das Licht des Morgens, das blutig durch die Jalousien dringt.

Du fühlst dich zerschlagen. Jedes Fragment von dir bleischwer. Aber du kannst nicht liegenbleiben. Das beklemmende Gefühl treibt dich aus den Laken, deren Stoff an dir klebt. Dir ist warm und du schwitzt. Fühlst dich fiebrig. Mühst dich aus dem Bett, stehst unsicher in der Dunkelheit. Der Raum beginnt sich zu drehen und du presst die Lider zusammen, bis er damit aufhört. Bis das Rauschen in deinen Ohren abgeklungen ist. Und du wieder das Wispern hörst. An- und abschwellend. Wie Wellen, die an einem Strand sterben. Das Zimmer wirkt fremd, als hättest du es aus dem Traum mitgenommen. Oder es liegt am unwirklichen Lichtschein. Die Konturen der Einrichtung bleiben undeutlich. Wie zusammengeworfene Erinnerungen an die vielen Räume, in denen du gelebt hast. Der Teppich unter deinen bloßen Füßen ist ausgetreten, als du langsam zur Tür gehst. Im Flur spürst du die Einsamkeit, die das Haus im Griff hat. Niemand in den anderen Zimmern. Aber du weißt nicht, seit wie langer Zeit du schon allein bist. Seit dem Traum? Lange davor? Für Bruchteile flammt Leben vor deinem inneren Auge auf. Flüchtige Bilder, in denen das Haus bewohnt war. Von dir. Einer Frau. Kindern. Erinnerungen. Wunschträume. Jahrelang in deine Seele gebrannt. Bis du sie ausgelöscht hast. Und nur Narben zurückgeblieben sind. Echos nachhallen, die an den Wänden verklingen.

Du schüttelst die Benommenheit ab. Schweiß tropft dir von der Stirn, rinnt deinen Nacken hinab. Die Hitze ist drückend, die Luft schwer. In deiner Kehle ein Hustenreiz, der sich nicht lösen will. Langsam gehst du an den verlassenen Zimmern vorbei, in denen die Geschehnisse bis zur Unkenntlichkeit verblasst sind. Liebe, Glück, Schmerz, Trauer haben sich nacheinander durch deine Adern geätzt. Haben das Leben ersetzt und nichts hinterlassen. Du erinnerst dich vage daran, wie du jeden Raum entrüppelt hast. Besessen davon, jeden Nachklang zu tilgen. Und dich dabei selbst ausgelöscht hast.

Vor der Wohnungstür bleibst du stehen, vom Damals und von der Hitze ausgelaugt. Das Wispern draußen ist nun überdeutlich zu hören. Die Helligkeit blutet unter der Tür hindurch. Du streckst die Hand aus. Zitterst. Weißt, dass das Ende erreicht ist. Und doch brauchst du Gewissheit. Ziehst sie auf und das Flüstern wird zu einem Brüllen, das der Wind heiß über dir ausschüttet. Und das rote Licht wird ein Meer, das sich bis zum Horizont erstreckt. Dessen Wogen den Himmel mit rußigen Wolken überzogen haben. Feuer, soweit das Auge reicht. Alles brennt. Häuser. Städte. Wälder. Ein Inferno, das die Nacht verzehrt. Und du in seiner Mitte. Sein Ursprung. Der erste Funke, der die Welt entflammt hat.

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Dazu I Don’t Want To Set The World On Fire von The Ink Spots.

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